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Atreyu – The End Is Not The End (2026)

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • 24. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Ohne Alex Varkatzas wird es nie wieder so sein, wie es war. Schön. Ich verstehe, dass es schwierig für Fans der ersten Stunde ist, wenn der Frontmann nach so langer Zeit ausgetauscht wird. Dass sich Atreyu selbst viele Jahre später immer noch daran messen lassen müssen, verstehe ich aber nicht. Denn ich bin ehrlich, ich hatte erst Zugang zur Band, durch Alben wie The Beautiful Dark Of Life (2023) und Brendan Sallers großartige Clean-Vocals. Umso überraschter war ich, als das Quintett versuchte mit der Neuauflage ihres Album-Klassikers The Curse noch einmal den alten Geist mit neuer Stimme zu beleben.

Konzertfoto von Atreyu

Was ich an der Band schätze, sind diese absolut energetischen Radio-Metal-Hymnen, die immer wieder mal zwischen Selbstironie und Emotion balancieren. Vereinfacht gesagt, ich mag, dass ich hier auch mitsingen darf und den Text sogar verstehe. In einigen Reviews habe ich gelesen, dass das mittlerweile 10. Studioalbum The End Is Not The End angeblich eines ihrer härtesten sein soll. Das sehe ich nicht so. Aber starten wir erst einmal rein.

Los geht’s mit dem Titeltrack als Opener, Gebrüll und einem klassischen Gitarrensolo während sich der Raum langsam mit immer mehr Sound füllt. Der darauf folgende Dead atmet den Metalcore der 00er, irgendwo zwischen ihrem alten Sound und Bullet For My Valentine. Hier gibt’s quasi alles, was die Band so in den vergangenen Jahren gedroppt hat. Hervorzuheben ist dabei aber der melodische Build-Up mit akustischem Ansatz. Break Me wartet keine weitere Sekunde und haut uns ein dickes, groovendes Riff um die Ohren. Stadion-Riff, Speed-Change, coole Effekte dahinter. Nach den ersten sieben bis acht Minuten verstehe ich, woher der Eindruck kommen könnte, das Album sei härter als sonst.

Ich bin auch kein Musikprofi, aber für mich klingt das bislang wie ein auf hart-getrimmter Punk- bis Alternative-Rock. Zudem empfinde ich Brandoms Growls zeitweise so aggressiv, dass es beinahe qualvoll zwanghaft klingt. Irgendwie klang das letzte Studio-Album einfach satter und fetter. Das sollte sich aber ändern. Weiter geht’s nämlich mit All For You, einer Single, die in der ersten Hälfte präsentiert, was ich an der Band mag. Doch auch selbst in dieser Rockballade für große Hallen muss ab Strophe 2 gebrüllt werden. Klingt ja nicht schlecht, aber wirkt manchmal einfach wie eingeworfen. Umso schöner aber einmal der emotionale Part samt Gitarrensolo im Finale.

Was man Atreyu lassen muss ist, dass ihre Songs immer schnell zur Sache kommen. So auch bei Ghost In Me. Hier geht mir alles ein bisschen zu schnell, dafür gibt’s aber eine fette gitarrenlastige Vollbremsung. Glass Eater liefert dann endlich auch mal ein anderes Tempo, jedenfalls bis zum Refrain. Alles klingt ein bisschen progressiver, ohne dabei den Kernsound der Band aufzugeben. Ist vielleicht nicht der Banger des Albums, war aber notwendig, um die erste richtige Abwechslung zu platzieren.

Wait My Love, I’ll Be Home Soon liest sich wie eine Whatsapp-Meldung, die aus Versehen als Songtitel übernommen wurde. Der Track überzeugt aber mit großartigem Melody-Writing und einer wunderschön gesungenen Bridge. Noch dazu verzichtet die Band hier endlich auf den Gröl-Zwang und lässt das Ganze stattdessen konsequent vorantreiben. Bis hierhin mein Favorit, allerdings muss sich der Song Platz 1 mit der sofort folgenden Single Ego Death teilen. Hier machen die bretternden Riffs, die Stadion-Hook und der weird-abrupte Endspurt von Anfang bis Ende einfach nur Bock auf mehr. Nach solchen zwei Nummern eigentlich kein Wunder, dass selbst energetische Songs wie Death Rattle eher untergehen.

Dass ausgerechnet Children Of Light mit Brasiliens Metal-Legende Max Cavalera dann einer der Songs ist, der mit kleinen progressiven Elementen hervorsticht, hatte ich nicht auf der Bingo-Karte. Von Synths bis spannenden Keys. Gastauftritte wie von Cavalera können schnell pures Marketing und Fan-Service sein. In diesem Fall ist allen Beteiligten aber anzumerken, dass sie richtig Bock auf diese Zusammenarbeit hatten. Wer bis hierhin noch nicht ausgestiegen ist, der wird ahnen: In The Dark is my jam! Endlich was zum Mitsingen und… war das gerade echt ein fucking Duett aus Gitarre und Saxophon?

Auch Afterglow geht in eine ähnliche Richtung, bleibt allerdings weniger hängen als sein Vorgänger. Dafür steht Break The Glass noch einmal sinnbildlich für alles, was ich gleich im Fazit schreiben werde. Besonders gefällt mir hier die gefühlvolle Piano-Einlage im Mittelteil, die quasi in eine Rockhymne zum Mitgrölen übergeht. Am Ende verstehe ich das Album wirklich nicht als „hart“, sondern als sehr rundes Paket dessen, was die neue Formation um Brandon Saller und Co. ausmacht. Im Kern Metalcore, aber mit vielen kleinen Einwürfen von Hardrock, Thrash-Metal, progressiven Ausflügen und melodischen Höhepunkten.

Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5

Müsste ich das Album zeichnen, wäre es eine exponentiell steigende Kurve. Große Hymnen wie meine Lieblinge Gone oder Insomnia finde ich hier nicht. Dafür aber ein Album, dass Dich zu Beginn in den Moshpit wirft und Dir dann nach und nach zeigt, was es sonst noch alles kann, während Du Dir den Schlamm aus dem Gesicht wischst. Unvorhersehbare Twists inmitten von einzelnen Songs, hier mal ein Saxophon, dort mal ein Piano und zwischen all dem Gebrüll und den Gitarrenbrettern vor allem ein Brandon Seller, dessen melodische Clean-Vocals für mich zu den aktuell stärksten der Szene gehören.


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