Die Toten Hosen – Bis zum gar nicht so bitteren Ende
- Michael Scharsig
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Seit Freitag geistern diverse emotionale Statements von Größen der deutschen Musikszene im Netz. Ach, was sage ich. Der deutschen Musik, des deutschen Sports, des deutschen Films bis in die Politik. In einem dieser Statements beschreibt Thees Uhlmann von Tomte es vermutlich am besten: Wir sind an einem Punkt im Leben angekommen, in dem Abschiede und Begrüßungen Unentschieden spielen. Die Toten Hosen haben tatsächlich das letzte Studioalbum ihrer Karriere veröffentlicht. Passender hätte das alles nicht laufen können.

Gewitter in Köln. Trainerentlassung in Liverpool. Doch in Düsseldorf scheint die Sonne. Das alles wirkt so, als hätte jemand ein Drehbuch geschrieben, in dem der Sarkasmus, der Humor und die Leidenschaften der fünf Düsseldorfer die Hauptrollen spielen. Doch wie gut funktioniert der musikalische Kern? Wie klingen die über 40 letzten Songs, die uns Campino & Co. noch einmal schenken? Ich bin ehrlich, ich kann hier einfach keine sachliche und simple Review nach Schema F schreiben. Dazu hat diese Band mein eigenes Leben zu stark geprägt, mir zu viele Erinnerungen hinterlassen.
Die Toten Hosen sind schon durch unsere Wohnung gebrettert, da habe ich mir selbst noch Alben von DJ Bobo angehört. Ich erinnere mich noch genau an unsere Grundschule und wie meine Mutter zum Abschied der Klassenlehrerin (großer DTH und Fortuna-Fan) meines Bruders, gemeinsam mit ihm und einigen Schulkameraden rot-weiß geschminkt und samt Choreo ein Lied der Hosen vortrugen. Der historische Auftritt auf dem Düsseldorfer Kanervalszug 1996? Wir haben ihn als Kinder von einem Premiumplatz aus gesehen, meine Großeltern lebten nämlich zu dieser Zeit auf der Bilker Straße.
Ich erinnere mich an zig Stadionbesuche mit Freunden, an gemeinsames Feiern bei Rock am Ring oder Jubiläumskonzerte der Hosen in Düsseldorf und Köln. Persönlich verbinde ich emotionale, schöne und prägende Momente mit ihrer Musik. Mal Punk, mal Techno, mal Rock, mal Hip Hop. Ein junger Michael hört Vieles. Die Hosen? Für mich trotzdem immer eine echte Konstante im Leben. Pubertät? Nichts bleibt für die Ewigkeit! Endlich erwachsen? Ich will nicht ins Paradies! Herzschmerz? Steh auf, wenn Du am Boden bist. Was mich durch alle Höhen und Tiefen brachte? Das Glauben an „Wunder“, das „Pessimisten“ Lügner sind und dass irgendwann die Zeit kommt, in der das Wünschen wieder hilft.
Feiern im Ratinger Hof, Weihnachtskonzerte, Pogo in Argentinien. Gemeinsames Trauern um Band-Member Wölli, Hosen-Fan Rieke und Campinos Mutter Jenny. Eisgekühlter Bommerlunder und 10 Kleine Jägermeister, obwohl ich ein Leben lang auf Alkohol verzichtete. Pyro bei Rock am Ring. Hymnen für Fortuna Düsseldorf. Alles aus Liebe. Bayern. Tage wie diese. Mit meiner Familie Opium fürs Volk und Die Roten Rosen gehört, mit meinen Freunden Auswärtsspiel und Unsterblich. Die Toten Hosen sind für mich Lebensbegleiter, Rheinland und Haltung.
Was sie für mich niemals waren? Die Jungs, die „nur Sauflieder“ machen. Ganz im Gegenteil. Früher parodierten sie Sascha, den „aufrechten“ Deutschen, machten sich mit „Madeleine“ über Nazis lustig. Auch später sangen sie in „Europa“ für Flüchtlinge im Mittelmeer, als es sonst kaum jemand tat. Und auch jetzt singen sie gemeinsam mit BAP von der Kristallnaach. Campinos „Fehlverhalten“ im Talk-TV der 80er Jahre? Unvergessen. Bis sie irgendwann gemeinsam mit den Ärzten auf der Bühne standen und Schrei nach Liebe sangen. Die Ärzte. Die wohl einzige deutsche Band, die ich noch mehr liebe und die so lange medial als „Gegner“ der Hosen betitelt wurde. Sie alle auf einer Bühne? Ein Moment, den ich nie vergessen werde.
Hier spannt sich der Bogen zum neuen Album, denn kein Geringerer als eines meiner großen Vorbilder, Farin Urlaub, widmet ihnen das Intro. Er hätte über Excel-Tabellen und Staubmilben singen können – ich hätte an dieser Stelle sowieso wässrige Augen. Doch auch sonst liefert die Band meiner Heimatstadt noch einmal ordentlich ab. Was mir besonders gefällt: Das Alter ist ihnen anzumerken, sie überspielen das aber nicht, sondern machen es zum Hauptthema und haben Spaß dabei. Das heißt aber nicht, dass hier alles weggelächelt wird. Es ist vielleicht die gesellschaftskritischste Platte seit über einem Jahrzehnt.
Couragierte Menschen erhalten eine Liebeserklärung, spießbürgerliches Almantum mit Hang zur AfD wird gespiegelt und mit Blick auf den sinnfreien Rechtsruck die Frage gestellt: Was ist mit uns los? Eine der stärksten Zeilen des Albums: „Du sagst Du willst Dein Land zurück, ich weiß nicht, was Du damit meinst. Das dritte Reich von Hitler, oder Deutschland in zwei Teilen?“. Am Weltfrauentag im Rammstein-Pullover rumzurennen, wird als keine so gute Idee abgetan, Düsseldorf wird als Herbert Grönemeyers heimliche Lieblingsstadt enttarnt. Zudem gibt es nachdenkliche Zeilen an die eigenen Kinder sowie einen letzten Gruß an die eigene geliebte Stadt. Ein Hosen-Album, in dem alles steckt, was die Hosen groß gemacht hat.
Auf dem Bonus-Album singen reihenweise spannende Menschen mit ihnen. Über Kölner Rocklegende Wolfgang Niederecken und Schlager-Königin Vicky Leandros bis hin zu Marian Gold von Alphaville. Ohnehin sind die dabei ausgewählten Titel wie Forever Young oder Ich liebe das Leben sicherlich nicht zufällig ausgewählt worden. Besondere kleine Highlights sind zudem Features von Liedermachen und Rappern sowie Punk-Ikonen aus UK. Für Menschen, die diese Band seit vielen Jahren begleiten, bleibt hier eigentlich kein Wunsch offen. Niemanden interessiert es, wie gut das Album ist. Fühlt es sich richtig an? Ein dreifaches JA.
In Zukunft werden die Donots, Tomte, Betontod, Marteria, die Antilopen Gang, Feine Sahne Fischfilet, die Broilers, Sondaschule, Massendefekt und so viele weitere Artists noch lange den Einfluss der Toten Hosen weiter ins Land tragen. DTH selbst steht nun ein Tour-Marathon bis Ende 2027 bevor. Jedes einzelne Konzert davon werden sie zelebrieren, als sei es ihr letztes. Und irgendwann wird es das vermutlich auch sein. Nach über 40 Jahren Bandgeschichte. Selten habe ich einen würdevolleren letzten Weg erlebt. Die Toten Hosen entscheiden nicht nur selbst, wann es vorbei ist. Sie nehmen mit Stolz und Humor Anlauf.
Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5
„Trink aus, wir müssen gehen“ (das ist übrigens der Name des letzten Albums, hihi) ist für mich zumindest das beste Hosen-Album seit Ballast der Republik. Weniger kraftvoll, deutlich befreiter. All das spielt in meinem Herzen gerade aber gar keine Rolle. Das perfekte Ende scheint zum Greifen nah. Vielleicht schafft es Fortuna bis dahin zurück aus der 3. Liga. Vielleicht ist die scheiß AfD bis dahin wieder irrelevant. Ich jedenfalls trage Die Toten Hosen im Herzen, bin dankbar für den Krach und bleibe bis dahin emotional in alle Richtungen. Bis zum gar nicht mal so bitteren Ende.





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