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Eurovision 2026: Meine Kritik, meine Tipps & Favoriten

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • vor 7 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Der Eurovision Song Contest ist absolutes Guilty Pleasure für mich. Allerdings nicht, weil ich ihn ausschließlich mit Ironie anschaue, sondern weil mich Musik einfach interessiert und ich immer wieder hoffe, durch Contests wie diesen auf Artists stoße, die ich auch weiterhin hören würde. Abgesehen davon macht er einfach Spaß, versprüht Optimismus und ist sympathisch anders. Normalerweise würde ich mir deshalb auch die Halbfinalshows anschauen, alle Songs zuvor durchstöbern und nichts anderes für den Abend des Finales einplanen. Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders.


Kollage der Teilnehmenden des Eurovision 2026

Ich habe mich zwar über YouTube mit einigen der Künstlerinnen und Künstler befasst, doch so richtig verfolgt habe ich das Ganze dieses Jahr nicht. Ich schreibe diesen Text am Samstag, den 16. Mai, selbst und habe gerade zum ersten Mal wirklich alle Teilnehmenden gesehen und gehört. Anders hätte ich es dieses Jahr gar nicht geschafft, wirklich Punkte und Tipps abzugeben. Warum das alles dieses Jahr nicht so klappt, hat mehrere Gründe. Privates Zeitmanagement, aber auch – und darüber möchte ich hier nicht hinwegsehen – die politisch angespannte Situation.

Mit der Niederlande, Island und Irland haben gleich drei absolute Stammgäste des ESCs ihre Teilnahme abgesagt. Zusätzlich Slowenien und sogar Spanien, als eines der „Big Five“, also der eigentlichen finanziellen Unterstützer und direkt qualifizierten Länder. Warum? Weil Israel teilnimmt. Wie immer. Was unter normalen Umständen völlig normal sein sollte. Doch die rechtspopulistische Regierung unter Benjamin Netanyahu begeht seit Jahren einen völkerrechtswidrigen Genozid gegen das Volk der Palästinenser. Eine Bühne wie der ESC würde Schönfärberei und damit versteckte Propaganda zulassen. Aus ähnlichen Gründen werden Russland und Belarus ja bereits ausgeschlossen.

Dass der ESC sich als unpolitisch positioniert können sich die Veranstalter sonst wo hinschieben. Der Eurovision war schon immer politisch, nur eben meistens positiv. Gemeinschaft, Frieden, Freiheit – auch all diese Dinge sind politisch. Weil Europa sich hier eben als geschworen, friedlich und gemeinschaftlich darstellt. Es ist keine kleine Show, sondern eine der meistgeschauten Veranstaltungen weltweit. Wer das ignoriert, will das einfach nicht sehen. Wenn also eine Ukrainerin auf das Leid ihrer Heimat aufmerksam macht, ist das politisch – und völlig okay. Dass eine isländische Band disqualifiziert werden soll, weil sie sich propalästinensisch positioniert, ist dagegen böses antisemitisches Hexenwerk. Schlicht dumm.

Ich möchte das nicht unkommentiert lassen. Ich bewundere die nicht teilnehmenden Länder für ihre Haltung. Ich wünsche mir einen Eurovision Song Contest, in dem israelische Künstlerinnen und Künstler nicht mehr in einer Arena ausgebuht werden. Das erinnert an noch viel dunklere Zeiten unseres Kontinents. Trotzdem muss der ESC hier Haltung wahren und nicht zweigleisig handeln. Israel muss als politischer Aggressor warten, bis der Konflikt beigelegt ist. Selbst russische Artists sollten irgendwann wieder an der Seite ukrainischer Acts auftreten dürfen. Kunst, Gemeinschaft und Musik vor Hass. Aber liefern muss zuerst die Politik, so unfair das auch klingt. Auch in Israel und Russland gibt es Menschen, die den ganzen Müll ihrer Regierungen nicht gutheißen. Sie in einen Topf mit diesen Verbrechern zu schmeißen, wäre absolut heuchlerisch.

Nun ist es aber so wie es ist. Und Deutschland ist bei denen, die ohne Rückgrat einfach auf „weiter so“ schalten, wieder einmal vorne mit dabei. Was in diesem Fall für mich kein inhaltliches Problem darstellt. Denn eine Castingshow-Sängerin, die typisch deutsch versucht einen der absoluten ESC-Hits der letzten Jahre („Fuego“ – „Feuer“, wow…) zu imitieren und in Interviews so Dinge sagt wie „Ich bin nicht feministisch, ich liebe meinen Mann“ braucht dann auch wirklich niemand bei diesem Contest. Natürlich werden Tatort-Tina und Malle-Markus trotzdem wieder behaupten, dass alle gegen Deutschland seien und das System gestellt ist. Sei es drum. Ihr merkt schon. Der Spaß am ESC ist bei mir gerade so mittel.

Daher hier ganz kurz und knackig, meine eigene Punktevergabe, meine generellen Tipps und die drei besten Bühnenshows.

Meine 12 Punkte beim diesjährigen Eurovision in Wien:

1 Punkt – FINNLAND Ich habe gar keinen Bezug zu beiden Künstlern, aber die Kombo bringt alles mit, was sich ESC-Enthusiasten wünschen. Nur so ganz radiotauglich finde ich es nicht.

2 Punkte – BULGARIEN Ich will das eigentlich nicht. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Beat funktioniert und Dara mit ihrer Bühnenshow eine kleine Rampensau ist.

3 Punkte – AUSTRALIEN Der australische Superstar hat bei mir witzigerweise vor allem über weitere Videos gepunktet. Typische Powerballade, die den Dance-Pop am Ende nicht braucht.

4 Punkte – DÄNEMARK Zu Beginn hatte ich ein bisschen Angst, dass wir hier den nächsten Nemo oder JJ bekommen, tatsächlich geht das Ding aber gut ins Ohr und zudem angenehm reduzierter.

5 Punkte – UKRAINE Leléka hat unsere letzte Katastrophe „Baller“ gecovert und sofort aufgewertet. Ihre Ballade schwebt irgendwo zwischen Disney und Folk.

6 Punkte – POLEN Es wäre ein bisschen zu billig zu sagen, dass Polen seine Beyoncé ins Rennen schickt. Aber wenigstens bricht ihr Soul-Track mal komplett aus dem Rest aus.

7 Punkte – NORWEGEN Dieses Land ist mit Italien eines meiner absoluten ESC-Favoriten. Dieses Jahr versuchen sie es mit einer Country-Version von Freddie Mercury. Geht mehr, als es sollte.

8 Punkte – MOLDOVA

Irgendwo zwischen Hip-Hop der 2000er, Skater-Punk und heimischen Klängen ist dieser Chumbawamba-artige Track einer meiner Lieblinge dieses Jahr.

10 Punkte – SERBIEN Nicht übersehen, dass Lavina Fans von Bad Omens sind. Auch neben diesem Track haben sie bereits einen eindrucksvollen Katalog. Industriell, düster, kraftvoll!

12 Punkte – RUMÄNIEN Ich kann das ganz offen zugeben: Lady Gaga’s „Mayhem“ ist eines meiner meistgehörten Alben. Dieser Banger hier bringt Einflüsse daraus mit und mixt Stadionrock rein, ein Brett!

 

Mein Tipp zur Top Ten des diesjährigen Eurovision:

1. Finnland 2. Rumänien 3. Israel 4. Australien 5. Griechenland 6. Ukraine 7. Bulgarien 8. Dänemark 9. Schweden 10. Frankreich

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die wirklich großartige Bühnenshow von Lelek aus Kroatien mit ihrem Song „Andromeda“ sowie den unfassbar talentierten Briten Look Mum No Computers, der leider ein bisschen Pech mit dem Song „Eins, Zwei, Drei“ hatte. Wer einen Artist sehen will, der bei seinen Shows live mit den Publikum Songs nur mit Synthies baut und dabei auch noch extrem witzig ist, der sollte ihm eine Chance geben.


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