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Clawfinger – Before We All Die (2026)

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Machen wir uns nichts vor, es ist dem aktuellen Retro-Trend zu verdanken, dass alte Crossover-Veteranen wie Static-X, Kittie oder Clawfinger wieder relevant auf den großen Festival-Bühnen werden. Letztere durfte ich sogar in der Schlammschlacht des Wacken Open Air 2025 erleben und habe mich gefreut, wie munter und selbstironisch die fünf Altenpfleger auftraten. Eine Studioveröffentlichung in Form eines Albums gab es allerdings seit mehr als 18 Jahren nicht mehr. Umso spannender die Frage: Trifft „Before We All Die“ überhaupt noch den Zeitgeist?


Facebook-Bild von Clawfinger

Den groovenden Opener Scum durfte ich bereits beim besagten Wacken-Gig feiern und er verfehlt seine Wirkung auch nicht als Startschuss für das neue Album. US-Präsident Donald Trump beleidigen zu dicken Gitarren und Sirenen im Hintergrund? Count. Me. In! Auch Ball & Chain zeigt mit seinen breitbeinigen Riffs, dass die Band nichts von ihrem kultigen Crossover-Vibe verloren zu haben scheint. Hier wird sogar mal ein bisschen gesungen in der Hook. Ein bisschen. Tear You Down wurde tatsächlich schon 2019 als Single veröffentlicht, fügt sich stilistisch aber wunderbar in diese Scheibe. Ich mag hier vor allem das oldschoolige Keyboard.

Man darf bei Clawfinger eine Sache nie vergessen: Hinter den teilweise sehr überzeichneten und kauzigen Auftritten und Videos verstecken sich nicht selten richtig gut geschriebene Kritiken. Ein gutes Beispiel dafür ist Big Brother. „In the name of еntertainment, it seems anything's acceptеd. Except that every single real emotion is neglected.“ Die Idiotie von Trash-TV und Influencer-Dasein simpel auf den Punkt gebracht. Linked Together lässt anschließend einmal mehr die Kapuzen-Pullis auf- und abnicken. Das Ding müssen sie auf jeden Fall live spielen!


Erfrischend anders wird es dann bei A Perfect Day. Hier werden die Gitarren fast ganz weggelassen. Stattdessen erzählt uns Zak eine Art Story, in der sich ein vermeintlich perfekter Tag ins Gegenteil umkehrt. Freunde von Such a Surge oder Dads Lieblings-Hip-Hop aus den 90ern kommen bei diesem entspannten Beat auf ihre Kosten. Auch bei Going Down (Like Titanic) schwingt der Finger kurz über die Vinyl und alles klingt ein bisschen wie eine Liebeserklärung an House of Pain oder Cypress Hill – oder den H-Blockx, je nach Geschmack. Aber ganz ohne Ironie, es macht einfach Spaß, wie sehr Clawfinger einerseits den alten Sound beibehalten und trotzdem irgendwie frisch wirken.

Mit dem Industrial-Punk-Track (gibt es sowas überhaupt?) You call yourself a teacher muss ich mich noch ein bisschen anfreunden, wobei mir aber das schnellere Tempo und der Ausflug raus aus der Komfortzone gefällt. Im Vergleich dazu geht A Fucking Disgrace trotz verheißungsvollem Titel ein bisschen unter. In Kill The Dream wird das Quintett dann deutlich ernster – und deutlicher. So wird hier namentlich der Genozid angesprochen, der von der israelischen Armee an den Menschen im Gaza-Streifen verübt wird. „Blutvergießen um Felsen und Steine. Land, das niemandem gehört“ ist dabei noch eine der verdaulicheren Zeilen. Musikalisch bleibt zwar nicht viel hängen, die Message aber umso stärker.

Auch in Environmental Patients wird der Finger in die Wunde gelegt, oder eher das Gesicht vor den Spiegel gehalten. Die Single, die bereits 2022 veröffentlicht wurde, beschäftigt sich samt Musikvideo mit dem widersprüchlichen, ignoranten und heuchlerischen Umgang unserer Gesellschaft mit Klimawandel und Umweltverschmutzung. Während in der zweiten Hälfte des Albums die Musik ein bisschen der Textschärfe geopfert wurde, toben sich die Skandinavier mit dem Titeltrack Before We All Die am Ende noch einmal aus und geben uns allen mit auf den Weg, unser Leben zu leben und uns nicht nur anzupassen. Schöner Endspurt!

Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5

Ich bin ehrlich, auch wenn die Truppe mir live mit all ihren Hits beim Wacken Open Air gut gefallen hat – ich hätte ihnen nach einer derart langen Studiopause nicht mehr zugetraut so lässig und wuchtig zurückzukommen. Am Ende bleiben Clawfinger ihrem Stil treu, immer nah an der Cringe-Grenze zu wandern. Wer das mag, wird hier bestens unterhalten. Auf jeden Fall haben sie weder Biss im Text noch Druck auf den Boxen verlernt und es darf hier ordentlich gebounced werden. Drei bis vier Tracks ordnen sich auf Anhieb in meine Playlists ein.



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