Lilly Palmer – Bigger Than Techno (2026)
- Michael Scharsig
- 6. März
- 4 Min. Lesezeit
Wenn es ein Genre gibt, in dem die Frauenwelt zumindest unter den Namen der Artists stärker präsent zu sein scheint als das Gegengeschlecht, dann wohl Techno. Umso schwieriger wird es, sich neben Charlotte de Witte, Amelie Lens und Co. so zu platzieren, dass die eigene Musik auf Dauer im Spotlight verweilt. Lilly Palmer gelingt das nun schon seit einigen Jahren, weshalb ich umso gespannter darauf war, wie sich ihr Debüt-Album präsentieren wird. Denn Clubmusik, Festival-Sets und Albumproduktion sind oft zwei Welten. Welchen Weg geht Lilly mit Bigger Than Techno?

Der Titeltrack startet vom Fleck weg energetisch und treibend. Während sich die sägenden Acid-Beats im Vordergrund austoben, kündigen sich nostalgische Melodien an, die mich an Layton Giordani oder Sam Paganini erinnern. Beinahe wirkt der Track wie ein Medley aus Genre-Bruchstücken, was wiederum zum Versprechen „This is bigger than Techno“ passen würde. Sowohl beim gemeinsamen Set für A State Of Trance Mexico sowie auf Lilly Palmers Show beim Amsterdam Dance Event wurde Ayi Giri mit Armin van Buuren bereits für tauglich befunden. Was hier definitiv klappt ist, van Buurens nostalgischen Trance-Vibe mit Palmers reduziertem, rohen Techno zu verknüpfen.
Der Einfluss von Psytrance wird abermals bei Gaana Modam deutlich, dieses Mal vor allem verkörpert durch die spirituellen Mantra-Vocals von Shanti People. Wie beim Vorgänger wird das Ganze aber fusioniert. Hier, mit dem Bigroom-Sound des israelischen Duos Vini Vici und dem energetischen Druck der Techno-Produzentin. Anders als seine Vorgänger legt der Track Rotterdam erst einmal eine Spur dunkler und härter los, ohne dabei aber komplett dem EDM-Mantel abzulegen. Sägende Basslines, springende Synthesizer, flatternde Effekte und Kicks in die Magengrube – eine starke Hommage an den Untergrund von Egberts (der hier mitwirkt) Heimat.
Machen wir’s kurz, der fünfte Track Vicious Chords mit Space 92 ist bislang mein Favorit. Lilly & der französische Techno-Produzent bauen hier gekonnt sehr viel Spannung auf, ehe sich der Track in stampfendem Groove, pulsierenden Rhythmen und psychedelisch angehauchtem Bounce entlädt. Ohne viel Schnickschnack, dafür aber sehr animierend! Schmunzeln musste ich dann bei Morals mit Danny Avila & Rown. „Left My Morals At The Door“ klingt irgendwie ironisch, bedenkt man, dass ausgerechnet der spanische Power-House-DJ zuletzt Opfer von fragwürdigen Bookings in der Szene wurde und sich darüber beschwerte. Der Track bockt aber, die Kicks sind etwas reduzierter, der Song ein bisschen treibender und repetitiver.
Spannend, dass erst der zweite Track ohne Feature ganz neue Wege geht und sich eher hin zu einer Art Mix aus Industrial und Hard Dance orientiert. Die rhythmischen Echo-Effekte im Hintergrund von Hypnosis treiben gut an, am Ende wirkt der Song nach den zwei starken Vorgängern aber ein bisschen wie ein Lückenfüller. Rakete mit Gregor Tresher ist dagegen sicherlich das spannendste Feature auf dem Album, ein kleiner kosmischer Club-Banger. Begleitet von minimalistisch-futuristischen Deep-Tech-Melodien wird der Atem gegen die Schutzscheibe, aus dem Inneren eines Astronautenhelms heraus als Instrument mit eingebaut. Befremdlich, aber irgendwie cool.
Hare Ram, eine Liebeserklärung an Lillys indische Fans, wurde – sofern ich mich korrekt erinnere – bereits 2024 veröffentlicht. Leider catchen mich die indischen Vocals überhaupt nicht, was aber eine reine Geschmackssache ist. Der dicke Acid-Beat gefällt allerdings. Bei Late At Night mit Maddix hatte ich anfangs ein bisschen Sorge, dass wir nach den kurzen Genre-Ausflügen zu sehr im Psy-Modus bleiben. Doch dann springt mir schon das kultige Sample von Audio Bullys‘ Klassiker We Don’t Care entgegen, zuletzt auch wirkungsvoll in Michael Bibis Different Side eingesetzt. Die trancy Synths klingen nice, der Drop losgelöster als andere auf dem Album.
Fun Fact zu Cold Blood: Ich verstehe bei den Vocals immer „Watte, Watte, Popo“ – ich bin aber sicher, dass der Chor da etwas Epischeres und Erwachseneres singt. Kirche und Peaktime-Techno funktioniert auch irgendwie immer. Lilly Palmers Signature Sound knallt hier im Vordergrund durch die Boxen, verzichtet auf Melodien und lässt die Hats schallern, ehe es auch mal etwas sphärischer werden darf. Im Zusammenspiel mit dem argentinischen Wahlberliner Jose Bonetto wird die BPM-Zahl bei Alternate Your Rhythm wieder etwas nach oben geschraubt. Hier habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass das Ding auch auf Unreal-Events abgehen würde. Nostalgischer Rave-Sound, Hard-Techno-Energie, aber gleichzeitig ohne den ganz großen Lärm – eher „stampftreibend“.
Der Hype Boy bleibt bei höherer Schlagzahl, samt dystopischer Synth-Ausbrüche im Hintergrund und einer sägenden Basslinie. Dazu bekommen wir hochgepitchte Vocals, was alles zusammen sehr retro erscheinen lässt. Vor allem die Synthklänge, die im Aufbau abgeschossen werden, bocken! Für jemanden, der damals schon Warp Brothers und Darude gefeiert hat und auch aktuell Artist wie Xenia oder Marie Vaunt verfolgt, scheint jetzt der Album-Moment gekommen zu sein. Denn auch bei Adrenaline ballern sich Acid-Lines zu industriellen Effekten und schneller eingesetzten „Rap“-Vocals durch die Boxen. Nach den ersten Sekunden von All Eyes On Me dachte ich kurz, hier bekämen wir einen zweiten Lückenfüller. Doch vor allem, wenn der melodische, orchestrale Teil des Songs Filmdramatik mit spannungsgeladenen Trance-Beats kombiniert und sich unter harten Techno-Kicks entlädt, bin ich ganz schnell wieder an Bord. Dass mit Wind Up die kürzeste Nummer als Ausstieg aus dem Album verwendet wird passiert auch nicht alle Tage. Während mir Roboter-artige Vocals „Ähhs“ und „Öhhs“ entgegenrülpsen, treibt sich der Song hin und zu einem Break, zwischendurch beinahe nach Elektro-Punk oder Elektronika anmutet, aber immer auch das Palmer’sche Treiben einbezieht.
Fazit: ⭐⭐⭐ / 5
Ist „Bigger Than Techno“ nun ein Versprechen an den Hörer, oder eine Liebeserklärung an all die Dinge, die Techno mit seiner Society verbindet? Oder beides? Lilly Palmer geht bei ihrem Debüt-Album jedenfalls mutig voran, verknüpft sämtliche Genre-Ecken mit ihrem eigenen Stil und schenkt uns ein club-orientiertes Brett aus 16 Tracks in Extended Versionen. Das wird eine bewusste Entscheidung gewesen sein, denn es fängt den Geist von Techno da ein, wo er wirkt: Auf der Tanzfläche. Ich bin kein großer Fan von Psy und Spiritualität, weswegen es für mich hier kleine Aussetzer gibt. Drei, vier andere Songs sind dagegen längst in meiner Playlist gelandet.





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