Muse – The Wow! Signal (2026)
- Michael Scharsig
- vor 3 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Ich liebe Muse. Muse sind für mich musikalisch die größte Schnittmenge all meiner Vorlieben. Alternative Rock, progressive und spacige Gesellschaftsspiegel und jede Menge kreative Nerdwelten. Umso enttäuschter war ich, das ihr letztes Album „Will Of The People“ als eine Art Best-off ihres Schaffens vermarktet wurde und sich viel mehr wie eine Satire dieser anfühlte. Ihr neuer Anlauf klingt erst einmal nach „typisch Muse“. „The Wow! Signal“, ein SciFi-Konzept mit hymnischen Singles. Doch dieses Mal durfte Dan Lancester mitschreiben, der seit vier Jahren bereits Teil der Live-Band ist und sowohl Arbeit mit Bring Me The Horizon als auch Sleep Token in sich vereint. Und es wird deutlich persönlicher. Was also steckt hinter dem 10. Studioalbum? Oder in der Sprache meiner kölschen Wahlheimat: Wat is’n Wow! Signal?

Der Titel des Albums ist zum Glück kein bloßer Warnschuss à la „Achtung, gleich staunt ihr!“. Tatsächlich ist das „Wow! Signal“ eine bis heute ungeklärte 72 Sekunden lange Radio-Anomalie aus dem All, die 1977 während der Suche nach außerirdischen Indizien vom „Big Ear“-Teleskop in Ohio aufgezeichnet wurde. Astronom Jerry Ehman analysierte die Daten, entdeckte die Sequenz und schrieb mit einem roten Stift „Wow!“ auf das Datenblatt. Das Design des Raumschiffs aus dem Artwork des Albums wurde durch die Wellenform eben dieses Signals inspiriert. Konzept des gesamten Albums ist es, Dinge, die wir nicht erklären können, uns aber umtreiben, mit kosmischen Metaphern und Symbolen zu umschreiben. Im Design, in der Musik und in den Texten.
Warum sind wir eigentlich noch keiner anderen Zivilisation begegnet? Eine Hypothese dazu ist „The Dark Forest“, eine Science-Fiction-Theorie von Liu Cixin. Sie beschreibt das Universum als dunklen Wald, in dem alle Zivilisationen Jäger sind und im Verborgenen bleiben, um zu überleben. Das ist nicht nur eine düstere Weltanschauung, sondern auch der erste Song des neuen Muse-Albums. Die Melodien des Openers erinnern nicht nur liebevoll an alte Zelda-Spiele, sondern verarbeiten tatsächlich auch das Geräusch des Wow! Signals. Zudem nutzt der Song die Atmosphäre des Cyber-Cowboy-Klassikers „Knights Of Cydonia“ von Muse, während Chöre auf Latein ertönen – was wiederum an „Year Zero“ von Ghost und das Theme der Olympischen Spiele 2012 erinnert: „Survival“ von Muse.
Warum Christopher Nolan in Muse steckt
Als Film-Enthusiast liebe ich die cineastischen Ausflüge der Band ebenso, wie die melodisch-progressiven Sci-Fi-Nummern oder Rock-Hymnen. Als Texter und Kreativer fasziniert mich zudem aber jede Band, die nicht nur Lieder aufnimmt und aneinanderreiht, sondern sie verwebt, sie in Konzepte transportiert und sich damit selbst jedes Mal herausfordert. Nie zu arty farty, denn Muse adressieren immer noch ein Massenpublikum. Trotzdem mit einer solchen Sorgfalt, dass sie sich ein Alleinstellungsmerkmal auf Lebzeiten sichern. Man könnte sagen, Muse sind der Christopher Nolan der Musik. Zufälligerweise mein absoluter Lieblingsregisseur und nicht zum letzten Mal erwähnt in dieser Review.
Schon mit „Nightshift Superstar“ folgt dann eine futuristische Synth-Funk-Nummer, die dem epischen Opener gegenüber nicht unterschiedlicher sein könnte. Muse haben das in der Vergangenheit oft getan. Mal mit Liebeserklärungen an Prince, mal Timbaland. Fast jedes Album besitzt einen solchen Song. Zum ersten Mal fügt sich dieser aber komplett in das Konzept, erinnert bisweilen an French House der 2000er und „In The Night“ von The Weeknd. Nur, dass das absolute Highlight hier der slap-heavy Bass von Chris Wolstenholme ist, dem sich alles andere unterordnet. Um das vorwegzunehmen: Matt Bellamy erklärte in einem Interview, es sein mit Schlagzeuger Dom Howard und Bassist Chris abgemacht worden, ihre Instrumente mehr scheinen zu lassen. Dafür dürfe Matt weiterhin Ausreißer wie diesen hier produzieren. Der Plan geht auf.
Tatsächlich neu fühlt sich dann „Shimmering Scars“ an. Matt Bellamy wirkt wie ein ewig gut gelaunter Nerd. Sein Gesang funktioniert meist eher wie eine für Muse gespielte Persona. In dieser Ballade hier trifft das alles aber nicht zu. Zum ersten Mal seit langer Zeit zeigt sich Bellamy von einer sehr vulnerablen und persönlichen Seite. In dem Song verarbeitet er u. a. die Trennung von Model Elle Evans. Inhaltlich geht es um Kontraste, Narben, aber schimmernd. Den ungewissen Stand zwischen Trauer und Verarbeitung, Selbstzweifel und Awareness. Auffällig ist zudem, dass es der Song ist, der sich am wenigsten der lyrisch-kosmischen Welt unterordnet.
Das ändert sich dann aber komplett mit der Hit-Single „Cryogen“, dessen Gitarrenspiel bewusst an den Muse-All-Time-Klassiker „Plug-In Baby“ erinnert. Bellamy gab in einem Interview an, er wisse um die Brutalität der eigenen Fanbase, schätze aber auch nichts mehr als eben diese. Die Kritik am letzten Album scheint gesessen zu haben. Man habe bewusst Altbewährtes zurückholen und mit Neuem vermischen wollen. Und neu bleibt so einiges, denn der Song ist ein wahres Nerd-Fest. Einmal mehr wird das Wow!-Signal angedeutet, zig Wortspiele im Zusammenhang mit Kälte eingebaut, im Video auf Laser des WM Keck Observatory (hierzu später mehr) angespielt, die Signale im All suchen und last but not least: Ein Endspurt mit Gitarrenriffs, die wie ein Turnstile-Feature klingen.
„Be With You“ katapultiert uns dann zurück in die Muse-Ära, in denen cheesy Meisterwerke wie „Madness“ hervorgebracht wurden. Synthie-getriebener Art-Pop, an den ich mich erst gewöhnen musste. Doch vor allem im Zusammenspiel mit den elektronischen Orgeln und dem wirklich schön inszenierten Musikvideo wächst dieser Song in meiner Gunst wie fast kein anderer auf dem Album. Wo Matt Bellamys Vocals in „Madness“ noch Queen-mäßig für einen Höhepunkt der gesamten Diskografie sorgen, halten sich diese in „Be With You“ allerdings durchgehend zurück und machen Platz für ein kurzes, aber emotional-melodisches Gitarrensolo. Wer jedoch glaubt, von hier würde die Band nach Formel arbeiten, der irrt sich gewaltig. Was folgt ist „Hexagons“, der vielleicht beste Muse-Track seit über 20 Jahren. Achtung, es wird wieder nerdig!
Werfen wir noch einmal einen Blick auf das WM Keck Observatorium. Die Hauptspiegel der Keck-Teleskope bestehen jeweils aus 36 präzise ausgerichteten hexagonalen Segmenten, die gemeinsam als ein einziger 10-Meter-Spiegel fungieren. Ein im Visualiser für „Hexagons“ dargestelltes Phänomen ist der gewaltige, beständige sechseckige Jetstream, der den Nordpol des Saturn umkreist. Jede Seite dieses geometrischen Sturms, der erstmals von der NASA-Sonde Voyager entdeckt wurde, erstreckt sich über rund 14.500 km – womit er größer ist als die Erde. Ein prägendes Bild der modernen Astronomie – und ein unerwarteter Widerhall des wiederkehrenden hexagonalen Musters im „Wow!-Signal“. Musikalisch verpacken Muse all das eine progressive-Space-Rock-Opera mit modernen elektronischen Klangtexturen, komplexen Arpeggios, treibenden Rhythmen im 6/4-Takt sowie kalte, mechanische Synth-Loops aus, die sich zu gewaltigen elektronischen Drum-Fills aufbauen.
Auch hier verzichtet die Band endlich mal wieder komplett auf ihre liebevolle Cheesyness und liefert einen düsteren Blick in die Zukunft, in der wir uns etwas hingeben, das uns fasziniert, uns aber gleichzeitig nimmt, was uns ausmacht. Wir berühren einen Schleier und brechen uns dabei das Rückgrat, wissend, dass wir uns verlieren, geben wir uns der Neugierde trotzdem hin. Sicherlich ein Blick auf die heutige Welt voller Algorithmen, künstlicher Intelligenzen und sozialen Medien – ebenso aussagekräftig allerdings mit Blick auf Religion oder Drogenkonsum. Als hätten Pink Floyd gestern „Aerodynamic“ von Daft Punk gehört und sich entschlossen, eine Dystopie mit Tool, Zedd und Hans Zimmer zu kreieren. Was. Für. Ein. Brett.
Wo wir gerade von Brettern sprechen: „Hexagons“ geht nahtlos über in „The Sickness of You & I“, meinem zweiten Highlight des Albums. Ab hier wird dann auch klangtechnisch deutlich, welchen Einfluss Dan Lancester dieses Mal auf die Musik der Band hatte. Denn der Track strotzt nur so vor groovigen Riffs. Kritiken bezeichnen ihn als „Nu Metal Funk“ oder „Price-tallica“. Mich erinnert er u. a. an „Nightmare Tripping“, die Kollab von Don Broco und Nickelback. Rein optisch befinden wir uns nun auf IO, dem aktivsten Vulkanmond des Jupiter. Der schon fast poppige Pop-Refrain unterstreicht einmal mehr wie gut das Melody-Writing auf dieser Platte ist, ehe wir in den wohl kraftvollsten Breakdown der Bandgeschichte stürzen.

Es ist schon fast unfair, dass sich die erste Single-Auskopplung „Unravelling“ mit ihrem hymnisch-kraftvollen Refrain und dem Sleep-Token-Gedächtnis-Riff nach solchen zwei Nummern beweisen muss. Vor einem Jahr auf Endlosschleife gehört, geht das Ding im Kontext des Albums tatsächlich etwas unter. Das ist aber überhaupt nicht schlimm, weil wir uns längst auf einem extrem hohen Level bewegen und den darauffolgenden Cyber-Indie-Rock „Hush“ noch mehr würdigen können. Der gemeinsame Song mit Sängerin Ellie Goulding besticht in den Strophen mit Piano unterlegten Elektro-Beats, während sich die Vocals wie in Billie Eilishs „Bad Guy“ darüberlegen. Umso mehr wirkt das Ganze, wenn am Ende des Tracks das Gitarrensolo loslegt und wir dazu Bilder bekommen, die uns sofort an Christopher Nolans „Interstellar“ erinnern.
Über jeden einzelnen Song auf „The Wow! Signal“ gibt es so viel zu erzählen und so viel zu entdecken, ich könnte ewig weiterschreiben. Man beachte: Wir haben bis hierhin gerade einmal neun Songs besprochen. Auf der einen Seite möchte ich gar nicht, dass „Space Debris“ bereits den Abschluss dieser Reise darstellt. Auf der anderen Seite ist ein Beweis dafür, wie gut moderner Alt-Rock sein kann, wenn er mit Liebe zum Detail produziert wurde. Es spielt keine Rolle, ob Du eher Pink Floyd hörst, oder Queen. Prince oder The Weeknd. Bad Omens oder Radiohead. Health oder Perturbator. Muse haben immer etwas für jeden im Gepäck. Zum Beispiel auch eine reduzierte, zutiefst melancholische Ballade wie „Space Debris“, die nicht nur in Zahlen das Album abschließt, sondern auch die kosmische Albumreise der Bewältigung einer Trennung, abschließt – dem Blick ins Ungewisse, dem Wow! Signal.
Fazit: ⭐⭐⭐⭐⭐ / 5
Muse haben schon lange nicht mehr so sehr die Hosen vor den eigenen Fans und sich selbst runtergelassen. Sowohl inhaltlich als auch im Sinne der Selbstreflektion als Band und der persönlichen Achterbahnfahrt von Matt Bellamy. Das alles immer noch in eine Space-Rock-Reise zu verwandeln, ohne Substanz einzubüßen ist ein Kraftakt. Zudem steht es der Band gut, musikalisch mehr zuzulassen, z. B. Bass- und Drum mehr Fokus zu geben. So ist „The Wow! Signal“ nicht nur das in sich geschlossen stärkste Album seit Jahrzehnten, sondern auch bestückt mit einzelnen Songs, die innerhalb der Prog-Rock-Welt noch nachhallen werden.





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