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Review: System of a Down live im Open Air Park

Autorenbild: Michael Scharsig
Michael Scharsig
10. Juli
5 Min. Lesezeit

System Of A Down sind eine der einflussreichsten Bands der 2000er Jahre und obwohl ich „Toxicity“ und „Chop Suey“ regelmäßig in meine Playlists packte, packten mich die armenischen Kalifornier darüber hinaus weniger. Zu sehr beschäftigt war ich mit Linkin Park, Muse und Limp Bizkit. Erst zu Zeiten von Mezmerize und Singles wie „B.Y.O.B.“ oder „Question!“ fing ich an die Truppe um Serj Tankian aufmerksamer zu verfolgen. Ich vermute das lag an meinem steigenden Interesse progressiver und gesellschaftskritischer Musik sowie generellem Interesse an politischen Ungerechtigkeiten.


System of a Down live in Düsseldorf

Irgendwann schlichen sich dann auch Songs in meine Playlists, die ich nicht zuvor durch Musikvideos auf MTV oder Radio-Charts kannte. „Violent Pornography“, „Kill Rock n Roll“ oder „Deer Dance“, zum Beispiel. Jahrzehnte später sollte es nun endlich soweit sein und ich würde System Of A Down zum ersten Mal live sehen. Noch dazu in meiner Heimatstadt Düsseldorf, zur Premiere des neueröffneten und viel debattierten Open Air Park. Zum Glück bin ich Anfang des Jahres nach Köln gezogen und habe mir so die Chance bewahrt, mich von der Deutschen Bahn noch einmal richtig abfucken zu lassen. Ironie aus. Bevor ich näher auf die Show eingehe, vielleicht noch ein paar Worte zum Standort.


Open Air Park – Superlative & Kontroverse


Die Eröffnung des Open Air Parks verzögerte sich um insgesamt rund acht Jahre. Ursprünglich sollte die neue Großveranstaltungsfläche bereits 2018 an den Start gehen, doch das Projekt wurde immer wieder durch langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren, politische Diskussionen sowie Anpassungen der Bau- und Erschließungspläne ausgebremst. Hinzu kamen Änderungen bei der Premiere selbst: Das ursprünglich für 2025 geplante Eröffnungskonzert von AC/DC wurde kurzfristig in die MERKUR SPIEL-ARENA verlegt, weil sich die Anforderungen der Produktion geändert hatten. Dadurch verschob sich die eigentliche Premiere des Open Air Parks schließlich auf 2026.


Bereits vor der Eröffnung war die neue Venue umstritten. Vor allem Anwohner der Stadtteile Stockum und Lohausen befürchteten eine erhebliche Lärmbelastung sowie Verkehrs- und Parkplatzprobleme an Veranstaltungstagen. Zudem kritisierten Umwelt- und Naturschutzinitiativen den Eingriff in den Baumbestand und warfen der Stadt vor, das Projekt trotz der Einwände zügig voranzutreiben. Als Reaktion entwickelten Stadt und Betreiber ein umfangreiches Verkehrs- und Anwohnerschutzkonzept, um die Auswirkungen auf die umliegenden Wohngebiete möglichst gering zu halten. Das ist alles wichtig zu wissen, um einige Kritikpunkte zu beurteilen, die ich nun ansprechen werde.


Kritik, Kritik, Kritik: Teils berechtigt, teils übertrieben


Nach der Show von System Of A Down hagelte es nämlich jede Menge Kritik. Natürlich - wie immer – vor allem im Netz. Und es gibt sicherlich Punkte, die angesprochen und verbessert werden müssen. Mir persönlich fiel z. B. auf, dass die Getränkestände im Innenraum mit gerade einmal zwei Zapfsäulen pro Stand ausgestattet wurden, die Teams vor Ort alles gaben, die Masse aber nicht abfertigen konnte und es so schon während der Vorbands zu utopisch langen Wartezeiten kam. Das allein ist bei Hitze schon ein Problem. Dass aber die Getränke ausgingen, noch bevor System Of A Down anfingen, ist ein absolutes No-Go. Nicht nur gemessen an den Eintrittspreisen, sondern vor allem mit Blick auf Sicherheit und Schutz der Gäste.


Was ich allerdings nicht verstehe, ist die Kritik am Verkehrschaos. Wir sprechen hier nicht von einem „normalen Konzert“ mit fünf bis 10.000 Leuten. Insgesamt 80.000 Besucher, also in etwa das Ausmaß eines Freitags bei Rock am Ring, kamen zum Gelände. An einem Freitagabend. In einem ohnehin von Verkehrsproblemen gebeutelten Düsseldorf. Wohlwissend, dass es die Feuertaufe für die Veranstalter sein würde, wohlwissen, dass Acid Bath, die erste Vorband, bereits um 16 Uhr anfangen sollten. Es tut mir leid, aber wer glaubt, mal eben nach Feierabend zu einer solchen Veranstaltung zu fahren, ist eher Teil des Problems und mit einer völlig naiven Erwartungshaltung zum Open Air Park getigert. Und ja, auch ein Fußmarsch von 15 Minuten oder 20 Minuten auf die Bahn warten sind unter solchen Umständen völlig normal.


System of a Down live in Düsseldorf

Mir ist bewusst, dass es überheblich klingen mag und dass nicht jeder das Privileg hat so flexibel zu sein, wie ich es an diesem Tag war. Die andere Wahrheit ist aber auch, dieses Konzert und auch seine Größe viele viele Monate im Voraus bekannt waren. Ich weigere mich zu glauben, dass die Mehrheit nicht die Chance hatte, sich darauf vorzubereiten. Sei es drum. Ich war jedenfalls früh dort und wirklich zu keiner Sekunde habe ich irgendwo Red Flags festgestellt. Die Menschenmassen wurden gut verteilt, es gab jede Menge Platz und auch jede Menge Verpflegung, inklusive Schattenplätze und kostenlosem Trinkwasser. Die Lärmbeschwerden nehme ich nicht ernst, sorry. Die wirken größtenteils wie gesteuert, aufgrund der Vorgeschichte.

Jetzt aber endlich zur Musik. Acid Bath haben wir ausgelassen, um noch ein wenig Energie zu tanken. Queens Of The Age haben ehrlichweise einfach ihr Programm abgespult. System Of A Down aber haben eine riesige Setlist aus insgesamt 29 Songs ihrer Bandgeschichte mitgebracht und von Beginn an gezeigt, warum sie mittlerweile einen Legendenstatus besitzen. Dass sogar „Hits“ wie „Boom!“ oder „Question!“ fehlten fiel gar nicht auf. Dafür war die Band einfach zu sehr in Partylaune und feuerte Track für Track hochwertige Shows ab. Ich gebe zu, ich war erstaunt, wie qualitativ konstant die Truppe noch immer harmoniert. System Of A Down sind eine dieser Bands, die live noch besser wirken als auf ihren Platten.


Das Problem mit dem nervigen Penis


Bevor die drei Bands überhaupt anfingen, lief – wie bei Shows und Konzerten üblich – jede Menge Musik vorab über die Boxen. Mal lauter, mal weniger laut. Warum ausgerechnet „Ich Will“ von Rammstein in der Playlist gelandet ist und ausgerechnet bei diesem Song die Musik lauter erschien bleibt wohl ein Geheimnis der Veranstalter. Da passte es irgendwie ins Bild, dass der Frontmann von Queens Of The Stone Age, Josh Homme, irgendwann mit einer riesigen Penis-Attrappe auf der Bühne stand. Was sicherlich satirisch gemeint sein sollte, erinnert in Deutschland leider zu sehr an Lindemann. Auch Daron Malakians ständige „Big-Cock“-Jokes wirkten wie aus der Zeit gefallen und, sorry, ausgelutscht.

Darüber hinaus bekamen die Fans für ihre Tickets im dreistelligen Bereich aber jede Menge geboten. Über weite Teile der Show wurden sie praktisch Teil des Programms, durften mitgrölen, mitschwanken und sich zum Ende hin natürlich auch in den aus dieser Tour berüchtigten Circle Pits austoben. Aufgrund des Flughafens in der Nähe war zudem ein kleines atmosphärisches Plus, dass die Flugzeuge im Landeanflug direkt über dem Gelände hinwegflogen. Vor „Psycho“ gab es ein kleines Snippet der Düsseldorfer Band Kraftwerk, vor „Tentative“ wurde den Menschen in Gaza, Libanon, Sudan, Iran und Artsakh gedacht – es war einfach ein rundum gelungener Auftritt. Sei zum Schluss noch erwähnt, dass auch der Rückweg zu keiner Zeit stressig oder überfordernd ablief, alles war bestens ausgeschildert und die Bahnen fuhren für Düsseldorfer Verhältnisse in sehr entspannten Abständen.

Fazit

Der Open Air Park muss künftig dringend gewährleisten ausreichend Getränke anzubieten und auch die Abläufe beschleunigen. Darüber hinaus haben die Veranstalter und ihre Teams eine Premiere dieser Größenordnung absolut großartig gemeistert. Nicht perfekt, aber gemessen an den Umständen. System Of A Down wiederum scheinen sich aktuell in absoluter Topform zu befinden. Durchweg gut aufgelegt, stimmlich 1 A  und auch soundtechnisch lief hier nicht einziges Mal irgendwas schief. Ich würde jederzeit wieder gehen – wenn das alles nicht so verdammt teuer wäre.

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