Nine Inch Nails & Boys Noize – Nine Inch Noize (2026)
- Michael Scharsig
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Im vergangenen Sommer habe ich zum ersten Mal Nine Inch Nails live erlebt und im Zusammenspiel mit Opener Boys Noize war dies mein Konzert-Highlight des Jahres. Die Produktionsqualität? Auf einem absoluten High-Level. Nicht mal ein Jahr später treten beide Artists zusammen als „Nine Inch Noize“ beim Coachella auf und lösen einen Hype aus, der Sabrina Carpenter, Justin Bieber und Influencer in den Schatten stellt. Seit langer Zeit wurde im Netz einfach mal wieder hochwertige Musik kollektiv gefeiert – und nun kommt das Album.

Mittlerweile dürfte klar sein, dass Alex Ridha aka Boys Noize nicht einfach nur ein gebuchter Opener für die Tour war. Schon damals fiel auf, dass sich dessen Set nahtlos in die Show der Nine Inch Nails integrierte. Und exakt so starten wir hier auch ins Album, mit einem spannungsgeladenen Elektro-Intro, dass unter Applaus von Publikum im Hintergrund ins Rework von Vessel driftet. Mit an Bord ist wie beim Coachella-Gig auch Trent Reznors Ehefrau Mariqueen Maandig aus dem gemeinsamen Projekt How To Destroy Angels. Ihre Stimme schenkt Trents Vocals noch einmal mehr Tiefe.
Bei She’s Gone Away habe ich dann ganz kurz „Scheiße, ja!“ gerufen. Denn der Track nutzt größtenteils die Musik von Boys Noize‘ Track Girl Crush. Das ist nicht nur einer meiner absoluten Lieblingssongs von Alex, es ist auch der Song, dessen Beat ich sofort im Ohr hatte, als ich hörte, dass NIN und er kollaborieren würden. Alles hieran ergibt einfach Sinn. Auch Heresey und Parasite wissen anschließend die Energie aufrechtzuerhalten, in dem sie immer wieder zwischen Trents hypnotischem Gesang, hallenden Kicks und klaren Acid-Linien springen.
Fun Fact: Die Tracklist des Albums besitzt die gleiche Reihenfolge, wie der Auftritt bei Coachella. Ohnehin ist dem ganzen Spaß anzumerken, dass er für Shows konzipiert wurd. So richtige Pausen werden hier nämlich nicht gemacht und wenn, dann nur, um direkt wieder Spannung zu erzeugen. Copy of A entlädt sich zum Beispiel in ein hymnisches Brett aus Elektro und Techno, Me, I’m Not schaltet sogar noch einen Gang höher und härter. Dabei reduzieren sich die Songs aber nie selbst auf reine Club-Banger. Sie sind waschechte Hybriden zweier Artists, die die Kunst des jeweils anderen zu einhundert Prozent verstehen.
Und dann wäre da noch Closer, der internationale Welthit der Nine Inch Nails. Bis zu welchem Grad würden dessen Anhänger überhaupt eine Abwandlung akzeptieren? Keine Ahnung. Aber wen dieser Mix aus Sexyness, Funk und Groove nicht zucken lässt, der ist gefühlstot. Da ist es auch überhaupt kein Problem, wenn der nicht weniger coole The Warning ein bisschen untergeht. Memorabilia fängt den kurzen Stopper nämlich sofort gekonnt ab mit einem dystopisch anmutenden und gleichzeitig treibenden Tribut an die 80er Jahre Ikonen Soft Cell.
Bei Came Back Haunted verschmilzt dann einmal mehr alles, was ich mir von einem solchen Album gewünscht habe. Während wir den beinahe exorzistischen Ton von Trent Reznor und die Düsternis seines Bandprojekts erfahren, zeigt sich auf musikalischer Ebene Alex Ridhas Ursprung, irgendwo zwischen Elektro-Punk, Justice und Gesaffelstein. Als krönender Abschluss wird uns As Alive As You Need Me To Be serviert. Das Original stammt aus dem Soundtrack des 2025er Blockbusters Tron: Ares. Kenner wissen, den Soundtrack zum vorigen Tron-Film lieferten Daft Punk. Was machen also Nine Inch Noize? Genau. Packen auf den Track eine gehörige Portion Daft-Punk-Vibe. Was für ein Ritt!
Fazit: ⭐⭐⭐⭐⭐ / 5
Wer die rockige Seite von Nine Inch Nails bevorzugt, wird hier ein wenig offener sein müssen. Wer die experimentellen, cineastischen und elektronischen Ausflüge liebt, wird dieses Album feiern. Vor allem für Boys Noize freut es mich, dass er auf internationaler Bühne endlich den Status erhält, den er seit Jahrzehnten verdient. Seine Beats sind einmal mehr ein perfekter Balance-Akt aus Massentauglichkeit und Underground. Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen ist der immer wiederkehrende tobende Applaus im Hintergrund, als hätten Nine Inch Noize gewusst, welchen Hype sie durch Coachella auslösen würden.





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