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Missbrauch & Sexismus: Warum die Techno-Szene sich selbst belügt

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • vor 12 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 36 Minuten

Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und Übergriffe in der Club- und Techno-Szene sowie Drogenproblematik.


Ein Beben innerhalb der elektronischen Musikszene: Der Instagram-Account „bradnolimit“ hat seit dem 18. Februar 2026 schwere Vorwürfe gegen mehrere Hard-Techno-Artists aus dem Roster von Steer Management erhoben. Es geht u. a. um Anschuldigungen zu sexualisierten Übergriffen, Belästigung und Missbrauch. Bislang konnten die Behauptungen, die auf Screenshots und Stories basieren, unabhängig nicht verifiziert werden. Trotzdem scheinen sie so tiefgreifend zu liegen, dass beschuldigte Artists aus den Line-Ups diverser Veranstaltungen getilgt werden.

Ich möchte dazu meine Perspektive, aus einem selbstredend weiter entfernten Blickwinkel, mit euch teilen. Erst einmal wünsche ich allen Betroffenen, dass sie das Umfeld und die Kraft haben, mit dem was ihnen angetan wurde, aber auch mit dem aktuellen Spotlight, klarzukommen. Ich möchte betonen, dass auch die Unschuldsvermutung nach wie vor Gewicht hat. Mir geht es hier auch nicht darum zu definieren, wer schuldig ist. Als jemand, der zumindest lokal in der Szene aktiv war und ist, habe ich ausreichend Dinge erlebt, gesehen und gehört, um sagen zu können, dass auch dieser Skandal nur an der Oberfläche kratzt.


Eine Zeit lang habe ich in Düsseldorf eine kleine Community namens „elexpats“ gegründet, um Menschen aus aller Welt in Düsseldorf miteinander zu verbinden. Der Anker sollte die lokale elektronische Szene sein. Wir sind zusammen feiern gegangen, haben Partys veranstaltet und auch auf Events aufgelegt. Das Ganze lief – Covid eingerechnet – etwa drei bis fünf Jahre. In dieser Zeit habe ich sehr oft Nachrichten von weiblichen Mitgliedern bekommen, die mich auf Fälle von Belästigung, Bedrängung oder penetranten Flirts aufmerksam gemacht haben. Innerhalb und außerhalb der Community.


Auch Drogenkonsum war (und ist bis heute) in den Clubs, den Venues und auch privaten Räumen absoluter Konsens. Wie oft habe ich zudem Alltags-Sexismus mitbekommen… hier mal ein Spruch über die weibliche DJ, dort mal ein Witz über die Frau auf der Tanzfläche. Wenn das alles in kleinem Rahmen schon solche Ausmaße hat, was glaubt ihr, wie groß ist das Problem wohl auf Landesebene oder international? Nun trifft der aktuelle Skandal ausgerechnet Hard Techno. Eine Szene, die durch ihren Community-Vibe riesig wurde. In der ein großes Vakuum aus Marketing, Social Media und tatsächlicher Realität errichtet wurde. Ein Großteil davon ist nichts weiter als eine Lüge.


Wir leben in einer Welt, in der Du innerhalb weniger Tage aus dem Nichts im Streaming-Service landen kannst. In der ein einziger viraler Clip reichen kann, um Deine Welt auf den Kopf zu stellen. Die allerwenigsten Artists haben das Glück zu diesem Zeitpunkt bereits mediengeschult zu sein, eine PR-Firma zu haben, die Vieles für sie abfängt. Was sie aber haben sind tausende Lobeshymnen, rasant steigende Likes und Klickzahlen, große Bühnen, schnelle Verträge – eine totale Reizüberflutung an Selbstbestätigung, Unterschriften und Partys. Das überfordert nicht nur, es überspringt schlichtweg mehrere Etappen einer gesunden Karriere.

Vergleichbar ist das vielleicht mit den Boybands der 90er Jahre. Nur werden in diesem Fall keine Künstler vorab gecastet und die Fansbase existiert bereits. DJs werden reaktionär gebucht, nämlich dann, wenn sie „aus Versehen“ einen Durchbruch auf TikTok, YouTube oder Beatport erleben. Bevor sie also, abgesehen von ihrem eigenen musikalischen Talent, irgendeine Art der Vorbereitung durchleben, sind sie längst Teil der Popkultur, stehen im Mittelpunkt und müssen das private Leben plötzlich mit einer zweiten Welt teilen. Das kann richtig gut und authentisch funktionieren – oder aber sehr dunkle Türen öffnen.

Nicht jeder talentierte DJ ist auch ein grandioser Buchhalter, nicht jede krasse Produzentin ist gleichzeitig auch ein Marketing-Genie. Zwar können ihnen Label, Agenturen und Co. diese Dinge näherbringen, nur eben noch deutlich später als das früher der Fall gewesen wäre. Zynisch formuliert, Du hast als junger Artist nicht mehr die Zeit, Dein Leben vorher zu regeln oder Deine Makel schnell genug zu vertuschen. Denn diese Wahrheit gehört auch dazu: Nicht jeder Artist, der plötzlich im Erfolg badet, ist automatisch auch ein empathisches Vorbild oder gebildet. Oder noch knapper: Die Möglichkeit für fragile und narzisstische Arschlöcher ihre Macht- und Sex-Fantasien hinter den Kulissen auszuüben, war nie schneller greifbar.


Ich hoffe wirklich von ganzem Herzen, dass der aktuelle Aufschrei mehr bewirkt als nur gestrichene Bookings. So richtig optimistisch bin ich aber nicht. Dass nun sämtliche Festivals, Booker und Clubs die ach so vielfältige und offene Szene propagieren und mal eben schnell die bekanntesten Lämmer schlachten, ist ja schön und gut. Doch wo waren sie alle, als die beschuldigten Artists jahrelang tun und lassen konnten, was sie wollten? Und seien wir ehrlich, von dieser Sorte gibt es in der Szene viel mehr, als aktuell durch diesen einen Instagram-Account dokumentiert. Weit über das Steer Management hinaus. Wir reden hier von einer globalen Szene, die vor allem im Bereich Hard Techno und Afro-House so Mainstream ist, wie schon lange nicht mehr. Von einer Szene, die auch abseits des Mainstreams mit Sex-Partys, Dark Rooms und Kamera-Verboten flirtet.

Wir sprechen hier von einer Szene, in der selbst im Jahr 2026 gewisse Drogen als Teil der Kultur geduldet, akzeptiert und abgekultet werden. Wir sprechen von einer Szene, die vom ohnehin zwielichtigen Nachtleben abhängig und mit ihm vernetzt ist. Eine Szene, in der DJs die weirdesten Dinge auf ihre Rider schreiben lassen können. In der elektronische Musik durch Ibiza, Dubai und Co. verhökert, durchstilisiert und wegkommerzialisiert wurde. Eine Szene, in der die so oft angepriesene Offenheit bereits beim Dresscode oder beim Eintrittspreis implodiert. Eine Szene, in der zur Zeit von #metoo, Lindemann und Co. belächelt wurde, wenn Namen wie Diplo oder Paul Oakenfold mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert wurden (und alle bis heute unverändert weitermachen).

Tut euch selbst einmal den Gefallen und klickt euch durch diverse deutsche und englische Magazine und sucht nach News-Artikeln, in denen weibliche Artists von Unterdrückung, Sexismus oder Belästigung schreiben. Oder einfach nur von schlechteren Gagen und weniger Chancen. Und hier sprechen wir von den Menschen hinter den Decks. Mit den unzähligen Fällen auf der Tanzfläche, Social-Chats, am Einlass oder dem nächtlichen Heimweg haben wir nicht einmal angefangen. Worauf ich hinaus will: Diese Szene kann und will sicher sein. Und es gibt herzensgute Projekte. Aber zu wenig. Diese Szene ist seit Jahrzehnten unreguliert und durchlässig und vernetzt bis in die fragwürdigsten Räume. Und in diese Welt werden nun die schnellen, jungen Stars von morgen einfach hineinkatapultiert. Das ist brandgefährlich.


Es ist ja schön, wenn einige Artists aktuell die gute alte Zeit von früher beschwören. Aber so zu tun, als habe es diese Probleme damals nicht gegeben ist todesnaiv. Wie so oft, hat es damals noch weniger Aufklärung, noch weniger Social Media und noch weniger Transparenz gegeben. Wenn etwas hinter verschlossenen Türen passiert ist, ist es trotzdem passiert, verdammt! Nein. Diese Szene ist kein „Safe Space“, nur weil in Berlin oder Köln mal wieder kultige Kink-Raves laufen. Sie ist nicht sicher, nur weil Awareness-Teams das Event reinwaschen. Sie ist auch nicht vielfältig, nur weil innerhalb im Trend liegender Genres mehr Frauen im Line-up auftauchen. Niemand ist sicher, so lange Menschengruppen bei jedem Gang in den Club theoretisch mit Belästigung rechnen müssen.


Dieser ganze Mist müsste strukturell mit System an den Wurzeln angepackt werden und das muss Agenturen, Künstler, Clubs, Medien, Festivals, Booker und Labels mit einbeziehen. Alle! Es braucht Regularien, Transparenz und Sanktionen. Politisch, rechtlich und auch innerhalb dieser großen Netzwerke. Auch wenn das heißt, dass die Romantisierung einer vorgegaukelten Freiheit vorerst vom PR-Tisch verschwindet. Es tut mir leid, ich liebe elektronische Musik und auch das Nachtleben. Aber nichts an diesem aktuellen Aufschrei ist eine Überraschung. Und ganz nebenbei hört diese Problematik auch nicht bei einem einzigen Genre auf. Das Schweigen von Vater Rock und Mutter Hip Hop ist einmal mehr betäubend laut.


Wenn du von sexualisierter Gewalt oder Machtmissbrauch betroffen bist oder dir um eine andere Person Sorgen machst, findest du hier vertrauliche und kostenfreie Hilfe:

  • Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch – bundesweit, anonym und kostenfrei: 0800 22 55 530, Mo, Mi, Fr 9–14 Uhr; Di, Do 15–20 Uhr, für Betroffene, Angehörige und Menschen aus dem Umfeld.

  • Hilfe-Telefon „Gewalt gegen Frauen“ – 08000 116 016, rund um die Uhr, anonym, auch Chat- und Online-Beratung, in vielen Sprachen; Beratung auch für mitbetroffene Angehörige, Freund*innen und Fachkräfte.​

  • Online-Hilfeportal bei sexualisierter Gewalt – Übersicht über Beratungsstellen vor Ort und weitere Angebote: hilfe-portal-missbrauch.de.




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