Robbie Williams – Brit Pop (2026)
- Michael Scharsig
- 20. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Robbie Williams gehört zu meiner musikalischen Erziehung, wie für andere die Flöte. Von Life Thru a Lens bis Escapology hat der Mann durchweg Chart-Hits, Hymnen und gleichzeitig mutige Genre-Ausflüge gedroppt. Ironischerweise ist das mittlerweile nur noch rund die Hälfte seiner Gesamtdiskografie. Was nicht heißt, dass er danach qualitativ abgebaut hat. Es war wohl eher ein Mix aus meinen eigenen neuen Interessen, weniger Hit-Dichte und Algorithmen, die ihn für mich fast haben verschwinden lassen.
Umso schöner ist es, dass er mit Brit Pop nun ein Album veröffentlicht hat, dass sich vermeintlich wieder an frühere Zeiten orientieren möchte. Denn wie Williams selbst hat auch der Brit Pop in all diesen Jahren seine Höhen und Tiefen durchlebt. Während ich diese Zeilen hier schreibe, warte ich auf die VÖ der Deluxe-Version, die immerhin noch einmal sechs Songs zu den bereits veröffentlichten elf Nummern hinzufügt. Es soll sich ja lohnen. Aber tut es das auch?

Die erste Single Rocket als Opener zu nehmen ist auf jeden Fall eine clevere Wahl, weil sie definitiv die Menschen anspricht, die sich wieder Songs wie Old Before I Die oder Let Me Entertain You wünschen. Mich. Dazu hätte es die Kollab mit Black Sabbaths Tommy Iommi nicht gebraucht, aber cooler macht’s den Song sicherlich. Das Video versprüht unabsichtlich aber auch leichte Boomer- bzw. Dad Rock Vibes, was das Ganze auf perfide Art sympathischer macht.
Spies klingt ein bisschen nach Come Undone oder Let Love Be Your Energy ohne diese Songs ansatzweise zu erreichen. Pretty Face lässt die Gitarren wenigstens wieder ein bisschen mehr nach vorne und funktioniert in der Hook, doch auch hier bleibt nicht viel hängen. Schlimm wird es dann, wenn Robbie rappt. Das sollte er wirklich lassen. Er sollte Bite Your Tongue lassen. Ein bisschen aufwärts geht’s dann endlich mit Cocky, der wenigstens diesen losgelösten Fun-Faktor von Monsoon oder Hot Fudge mitbringt. Nach fünf Tracks ist das insgesamt aber doch eher ernüchternd.
„Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Nutze deine Wahnvorstellungen. Ich weise gerne darauf hin, dass dieser Mann ich war“, sagt Williams in All My Life. Er ist ohnehin dann am stärksten, wenn er seine eigene Person nicht nur ins Rampenlicht rückt, sondern sie reflektiert. Endlich ein Song, der mich abholt, im Kopf bleibt und den Rock von Escapology in sich trägt. Direkt darauf folgt dann aber leider mit Human die nächste seichte Nummer, die zwar gesanglich eine nette Zusammenarbeit mit dem mexikanischen Duo Jesse & Joy darstellt, aber vor sich hinplätschert.
Warum wir uns bei Morrissey auf einmal im Synth-Pop-Universum befinden? Keine Ahnung. Erinnert in guten Momenten an Intensive Care, nur gibt’s da nicht viele gute Momente. In You rappt Robbie dann zum zweiten Mal, was die groovig-nette Rockmusik dazwischen auch nicht ausbaden kann. It’s OK Until The Drugs Stop Working spielt wieder auf sein Leben an, poppiger Swing-Rock mit Streichern untermalt und Mitsingeffekt a là „Is This The Way To Amarillo?“. Ich finde hier wirklich selten Brit Pop, aber wenigstens hat der Song Ohrwurm-Potential.
Eigentlich würde dann mit Pocket Rocket die balladeske Alternativ-Version des Openers aus dem Album führen. Nur wollte ich dem Ganzen mit den sechs weiteren Tracks aus der Deluxe Edition noch eine Chance geben. Und siehe da, mindestens vier davon hätten es verdient gehabt, direkt gedroppt zu werden. Selfish Disco legt als entspannte Disco-Nummer los und baut dabei sämtlich Easter Eggs aus den 90ern ein, nur um diese anschließend mit Punk-Artists zu verbinden.
In G.E.M.B. heißt’s dann endlich „Girls, grab your balls, boys, shake your tits“ und wir verabschieden uns ein bisschen rockiger von der seichten Attitüde. Mein Lieblingszitat: „Offended by everything, ashamed by nothing“, was irgendwie auch für den Zeitgeist spricht. Ein inhaltlich gelungener Übergang zu Comment Section, der die Smartphone- und Social-Hysterie aufgreift. Ein paar Seitenhiebe auf Oasis, Courtney Cobain oder One Direction werden sich hier auch nicht verkniffen. Das ist Robbie, wie er wirkt. Fucking Amazing und 100% Beau führen die Idee „Mehr Gitarre in der Deluxe-Edition“ gekonnt fort. Die schnalzige Fifa-Hymne am Ende ist leider nur peinlich und war hier im Kontext auch komplett unnötig.
Fazit: ⭐⭐ / 5
Das Album-Cover zeigt einen jungen Robbie Williams beim Glastonbury, zerzaust und schmuddelig. Nur, dass das Foto dieses Mal als Gemälde im Museum hängt – und mit Farbe beschmissen wird. Ob gewollt oder nicht, es steht ein bisschen für das Album. Ein Versuch, die Zeit zurückzudrehen - aber mit 08/15-Filter. Der 51-jährige Vater von vier Kindern ist nicht mehr der Rebell von früher und die großen Songwriter fehlen ebenfalls. Die Deluxe-Edition wertet das Album deutlich auf. Brit Pop gibt’s hier aber selten, eher ein Paket aus Songs, die wie B-Seiten aus den besten Zeiten wirken. So langsam nagt die Frage der Relevanz dann doch. Kein Totalausfall, aber vielleicht ein Warnschuss.










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