der Filmtipp: Obsession (2026)
- Michael Scharsig
- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
„Be careful what you wish for“ – diese kleine aber feine Redensart wirkt beinahe so inflationär wie ein Instagram-Posterspruch. Sicherlich steckt viel Wahres drin, echtes Potential aber steckt in der Frage: Was, wenn ich eben nicht aufpasse? Im Grunde ist dieses kleine Detail der Auftakt zu einer Erfolgsgeschichte, wie sie das Kino schon lange nicht mehr erlebt hat. Die Rede ist von Curry Barkers „Obsession“. Gerade einmal 750.000 Dollar hat das Leinwand-Debüt des YouTubers gekostet. Die aktuellen Einspielergebnisse liegen bei über 490 Millionen Dollar. Rekorde werden gejagt, Oscar-Kampagnen angedeutet. Am 25. Juni startete der Film in unseren Kinos. Erst jetzt erscheint er digital. Ein Grund mehr noch einmal auf den etwas anderen Schocker zu blicken.

Die Geschichte ist ehrlicherweise schnell erzählt. Wir verfolgen eine Gruppe von vier Freunden, die gleichzeitig auch Arbeitskollegen sind: Baron, Nikki, Sarah und Ian. Baron, den alle nur „Bear“ nennen, ist ein in sich gekehrter und schüchterner Typ, der sich unsterblich in Nikki verliebt hat und damit hadert, ihr diese Liebe zu gestehen. Aus Angst ihre Freundschaft zu verlieren, wird er bei jedem Versuch unsicherer, bis es eines nachts richtig schief geht. Aus Frust greift er zu einem billigen Souvenir, dass seinem Besitzer einen Wunsch erfüllen soll. Ohne zu ahnen, was er damit auslöst, wünscht er sich Nikkis uneingeschränkte Liebe. Wenige Sekunden später startet eine Tortur, mit der er niemals gerechnet hätte.
Wer den Film noch nicht gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte hier abbrechen. Denn um den Film gebührend zu besprechen, müssen wir ein wenig mehr in die Tiefe gehen. Inde Navarrette ist dieser eine Aspekt, um den in den vergangenen Wochen niemand herumkam, der sich für Filme interessiert. Ihrer Leistung ist es zu verdanken, dass gefühlt jede zweite Szene durch die sozialen Medien flattert und den Motor des Erfolgs um ein Vielfaches befeuerte. Nun werden viele Filme ihrem Hype nicht gerecht. Der Hype um Inde ist komplett berechtigt. Mit Ausnahmen von kleinen Auftritten in den anderen Produktionen ist es fast unerklärlich wie hochprofessionell, flexibel und einnehmend die 25-Jährige den Film trägt. Ihre Mimik wird in die Geschichte eingehen und beschert ihr bereits jetzt große weitere Rollen.
Wird Hauptdarsteller Michael Johnston als Bear hier also an die Wand gespielt? Absolut nicht. Ich würde ja schreiben „Er steht seinen Mann“, aber irgendwie passt das im Kontext des Filmes nicht wirklich. Denn Bear erscheint im Gegensatz zur extrovertierten und freigeistigen Nikki nicht nur wie ein schüchterner Weirdo. Vielmehr lernen wir ihn mit jeder weiteren Szene zu verachten. Es gibt in diesem Film eben keinen wirklichen Antagonisten, auch wenn Barker hin und wieder versucht uns mit blutigen oder okkulten Momenten abzulenken. Es gibt nur diesen einen Nice Guy, der komplett ich-bezogen handelt, narzisstisch und egoistisch auf Verdrängung setzt und das eigentliche Opfer damit Stück für Stück zerstört. Und DAS spielt Johnston großartig.

An dieser Stelle möchte ich betonen: Obsession ist weit davon entfernt ein typischer Geister-, Monster-, Slasher-, oder Psychohorror zu sein – mit einer Pistole an der Brust würde ich ihn vermutlich sogar in die letzte Schublade stecken. Viel mehr zielt Curry Barker bewusst auf Unbehagen als Horrorelement. Was ist für einen unsicheren Narzissten schlimmer als eine Freundin, die im Restaurant eine riesige Szene macht? Oder ihn vor allen Freunden auf einer Party blamiert? Wie fühlt es sich an, wenn wir im Schlafzimmer, also einem unserer privatesten und vulnerabelsten Orte, beobachtet werden? Oder – naja, unser verstorbenes Haustier zum Mittagsessen vorgesetzt bekommen? Obsession verdient sich die eine oder andere Triggerwarnung und so sei hier erwähnt, dass – wenn wir den Film mit wachem Verstand schauen – eine Sexszene schnell zu einer Vergewaltigung mutiert. Dass eine Obsession auch in Stalking, Gefangenschaft, Erpressung und psychischer Manipulation resultieren kann.
Der Film hat seine zwei, drei Schmunzelmomente, doch insgesamt überwiegen pausenloser Stress, Unbehagen und Wut. Es gibt wirklich nicht eine unnötige Szene und auch, wenn die Prämisse übernatürlich erscheint und nicht aufgeklärt wird, sie funktioniert. Jeder kleine Handlungsstrang wird so gut es geht zu Ende gebracht. Hinzu gesellen sich perfekt inszenierte Kamera-Einstellungen in Zusammenspiel mit Dunkelheit, Maske und einem beißenden Score. Ja, es wird mal hart. Ja, es wird mal eklig. Doch Curry Barker ist es gelungen einen Horrorfilm zu inszenieren, der nicht wegen des Schocks, sondern aufgrund des Erlebnisses nachhaltig in den Köpfen bleiben wird. Auf ein Happy End braucht ihr gar nicht erst zu hoffen.
Fazit: ⭐⭐⭐⭐⭐ / 5
Ich habe ellenlange Reviews zu Filmen geschrieben, die mir weitaus weniger gefielen als Obsession. Das liegt daran, dass ich einfach so wenig wie möglich verraten will. Der Film muss im Kino oder zumindest ohne Handy und Ablenkung geguckt werden. Tut euch den Gefallen. Inde Navarrette ist eine Naturgewalt und hat sich mit dieser Rolle bereits einen Legendenstatus innerhalb des Horrorkinos gesichert. Auf das wir von all diesen unverbrauchten Supertalenten noch viele Jahre hören werden.





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