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Der Filmtipp: The Odyssey (2026)

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Es ist mittlerweile Tradition, dass Filme von Christopher Nolan bereits viele Monate vorab weltweit diskutiert werden. Auf der einen Seite, weil selbsternannte Experten, Filmkunsthistoriker oder fragile Persönlichkeiten neuen Stoff brauchen, um sich selbst erhaben zu fühlen. Auf der anderen Seite, weil Nolan sich eben auch an geliebte Vorlagen wie Batman, historische Ereignisse wie Dunkirk oder kontroverse Charaktere wie Oppenheimer traut, epochales, opulentes Kino um diese herumproduziert und sich dabei mehr oder weniger frei aussuchen kann, welche Rollen er wie besetzt.


Filmszene aus The Odyssey

Um die ganzen Diskussionen rundum bestimmte Casting-Entscheidungen zu egalisieren, sei nur kurz erwähnt, dass wir hier von griechischer Mythologie sprechen, noch dazu einer Parabel, noch dazu einem Film von Christopher Nolan. Es tut mir leid, aber ich kann Menschen nicht ernstnehmen, die sich an einer schwarzen Helena, einem Elliot Page als Sinon oder einer „nicht-akkuraten“ Darstellung der Rüstung von Agamemnon abarbeiten. Zumal keine dieser Figuren eine tragende Rolle in Nolans Version spielen. In diesem Film laufen Zyklopen und Schweinemenschen rum, man. Haltet einfach euer Maul. Verweilt in eurer traurigen Bubble aus fragilen Pimmeln und Möchtegern-Nerds oder schaut ihn euch einfach nicht an. So. Musste raus, sorry.

Bevor hier nun aber der Eindruck entsteht, dass ich linksgrünes Woke-Schaf Nolan alles erlaube, nur weil er einer meiner absoluten Lieblingsregisseure ist, sei gesagt: Oppenheimer hat mich zu Tode gelangweilt und auch Dunkirk, so gut der Film auch war, hatte für mich nicht den überunterhaltenden Mehrwert, wie z. B. Inception, Interstellar oder Tenet. Deshalb muss ich zugeben, ich bin tatsächlich mit gemischten Gefühlen ins Kino gegangen. Denn auch wenn die Erzählstränge vielleicht einmal mehr ein wenig diffus sein könnten, die großen Twists oder Überraschungen würde es in einer Neuinterpretation von Homers Odyssee wohl er nicht geben, nicht einmal von Nolan. Und das ist auch so. Trotzdem ist dem 55-Jährigen ein bildgewaltiges Meisterwerk gelungen.


Anne Hathaway und Mia Goth in The Odyssey

Für die Hauptrolle hätte es keinen besseren Typen als Matt Damon geben können. Erstens, weil er qualitativ einfach unschlagbar professionell ist, zweitens weil er so seine eigene Odyssee an Filmen weiterführt, in denen er nach Hause möchte (Der Soldat James Ryan, Der Marsianer, Elysium, Interstellar). Der Mann hat sich zum ersten Mal einen echten Bart wachsen lassen, damit Wind und Salzwasser diesen nicht beinträchtigen während des Drehs. Eigentlich ein Wunder, dass so jemand nicht schon viel häufiger mit Nolan zusammengearbeitet hat. So ist es auch kein Wunder, dass er jede Szene an sich reißt, in der er erscheint. Doch auch die weiteren großen Namen zeigen durchweg, was sie draufhaben.


Da wäre beispielsweise der mittlerweile 30-jährige Tom Holland, der selbst behauptete, die Odyssee sei der letzte Film, in dem er „einen Jungen“ spielen könne. Er feuert keine oscarwürdige Leistung ab, es ist allerdings erfrischend ihn seit sehr langer Zeit mal wieder in einer durchweg ernsten Rolle zu sehen, in der sein Aussehen und sein Charme nicht viel Raum einnehmen. Anne Hathaway wiederum ist eine Waffe, wann immer man sie einsetzt. In praktisch jeder Szene mit ihr, gewinnt sie die gesamte Aufmerksamkeit und weiß die verschiedenen Emotionen gekonnt auszuspielen. Verschenkt werden dagegen Robert Pattinson, Charlize Theron, Mia Goth, Jon Bernthal und Zendaya. Nicht, weil sie schlecht schauspielern, sondern weil die Größe dieser Namen einfach falsche Erwartungen wecken.


Kleine Namen, große Bildgewalt

Umso schöner ist es allerdings, dass vermeintlich „kleinere Namen“ neben diesem großen All-Star-Team so viel Screentime bekommen. Da wäre zum Beispiel Samantha Morton als gruselige Zauberin Zirze, die nicht nur eine der denkwürdigsten Bodyhorror-Momente des Films bekommt, sondern auch ihre Figur extrem einnehmend spielt. Zum anderen wäre da John Leguizamo als Eumaios, dem erblindeten und Odysseus treu ergebenen Hirten und Freund. Er bildet sozusagen das Herz der Geschichte, während seine Figur sowohl abbaut als auch gesundet, je nachdem in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt.

Ähnlich viel Screentime bekommt Himesh Patel als Odysseus‘ Weggefährte Eurylochos. Auch, wenn ich ihn eigentlich in Filmen wie Yesterday mochte, bildet er unter all den genannten Namen die Schwachstelle. Hier hätte ich gerne ein bisschen mehr Zerrissenheit und Emotion gesehen als nur ungläubiges Starren. Immerhin ist das Begehren der Mannschaft gegen ihren Anführer ein extrem großer Baustein der Odyssee. Lupita Nyongo’o und Jon Bernthal zeigen als ungleiches Duo dagegen, wie viel Tiefe und Dramatik in wenig Minuten machbar sind. Es wird niemals passieren, aber mein Gott, hätte ich Bock auf ein Spin-Off zu Menelaos und Helena.

So, jetzt aber genug über Schauspieler gesprochen. Denn das ganz große Plus des Films ist die absolute audiovisuelle Bildgewalt von The Odyssey. Was Hoyte Van Hoytema hinter der Kamera und Ludwig Göransson im Soundstudio abfeuern ist einfach nur gigantisch. Jedes Zischen der Wellen, jedes zerbrechende Schwert und jeder einstürzende Turm klingen so, als erlebe man das alles selbst. Und das ist enorm wichtig in einem Epos, dass auf eine abenteuerliche Reise setzt. Abenteuer bedeutet nicht nur Action und Blut, es bedeutet Immersion. Das wissen alle Beteiligten, weshalb beispielsweise die Boote aus Materialien der damaligen Zeit angefertigt wurden. Weshalb der Zyklop kein reines CGI-Monster ist, sondern eine 6x6 Meter große mechanische Konstruktion. Und wenn sich die Tore von Troia öffnen und dort Agamemnon erscheint, erinnert das fast schon an Darth Vader.

Tatsächlich dürfte The Odyssey der erste Film von Christopher Nolan sein, der gigantische Monster, eine gute Portion Gewalt und Blut sowie eine Debatte um das R-Rating mitbringt. Trotz allem ist der Film zu keiner Zeit rau, sondern deutet Vieles nur an. Wir bekommen fast durchweg Dunkelheit oder diffuse Lichtspielereien geboten, hier und dort Blaufilter, die an Dunkirk erinnern. Vor allem die Panorama-Shots sind bildschön. Die Nolan-Ästhetik funktioniert hier einwandfrei, auch wenn ich mir das Ganze ein bisschen mehr gewünscht hätte wie in Peter Jacksons King Kong. Zudem wird es nicht jedem Kenner der Geschichte gefallen, dass einige Etappen von Odysseus ignoriert werden und stattdessen seine Familie viel Platz bekommt als Parallelgeschichte. Das lässt die Abenteuersequenzen zwar ein wenig überhastet wirken, macht den Film insgesamt dafür aber umso runder.

Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5

Richtig zufrieden bin ich mit meiner Review noch nicht, weil sie eigentlich viel zu kurz nach der Sichtung verfasst wurde und ich das Gefühl habe, ich könnte hier noch viel weiter ausholen. Eigentlich müsste ich den Film noch ein weiteres Mal anschauen. Was ich aber sagen kann ist: The Odyssey ist einer dieser Filme, die im Kino erlebt werden müssen. Wer das nicht tut, verpasst viel Wirkung. Es ist eine wortwörtlich fantastische Reise durch eine der meisterzählten Geschichten der Welt. Aber – und das ist nicht ganz unwichtig – mit einem Protagonisten, der sein Handeln nicht romantisiert, sondern hinterfragt je weiter er seine Erinnerungen zurückerlangt. Das Ende ist eine großartige Schablone auf die heutige Zeit, sowohl der kritische Teil, als auch der, der Hoffnung gibt.



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