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der Filmtipp: Send Help (2026)

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Hot Chick, Girls Club, The Notebook – Rachel McAdams hat zu Beginn dieses Jahres endlich ihren mehr als verdienten Stern am Hollywood Walk of Fame erhalten. Und allein diese drei Filme, so seicht, romanzig oder klamaukig sie sein mögen, haben zu ihrer Zeit schon angedeutet, wie viel die Kanadierin aus ihren Rollen herausholt. Und ja, auch in Filmen wie Spotlight, Ungehorsam, Game Night oder Eurovision Song Contest hat sie längst ihre Bandbreite von Humor bis Drama bewiesen. Aber ihr dabei zuzuschauen, wie sie Wildschweine massakriert oder sich auf dem Gesicht ihres „Gefangenen“ übergibt, ist noch einmal eine ganz eigene Erfahrung.

Dabei haben Trailer und Inhaltsangabe des Films alles so ein bisschen aussehen lassen wie ein von Disney klischeebehafteter Kampf gegen das Patriarchat. Ein bisschen wie Stephen Kings Misery auf Zeitgeist getrimmt. So geirrt wie hier habe ich mich schon lange nicht mehr. Rachel McAdams spielt darin jedenfalls Linda Liddle (Achtung, bewusst gewählter Name), die von ihrem jüngeren Chef Bradley kleingehalten (Name also kein Zufall) und stellenweise sogar von ihm vor Kollegen bloßgestellt wird. Nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel sind ausgerechnet die beiden die einzigen Überlebenden. Rettung scheint vorerst keine Option zu sein, weshalb Misstrauen gerade das Letzte ist, was beide Kontrollfreaks brauchen.


Szene aus Send Help (2026)

Eine der großen Stärken von Send Help ist es, dass der Film mit unseren Erwartungen spielt. Immer wieder wird dem Zuschauer vorgegaukelt „Ich zeige Dir jetzt gleich etwas, was Du schon hundertmal in Filmen gesehen hast“. Da wäre zum Beispiel nicht nur der von Beginn an inszenierte Geschlechterkampf zwischen dem privilegierten Boss und der unterdrückten tollpatschigen Angestellten. Auch ihre Vorliebe zu Survival-Trash-TV wirkt ein zufälliges Nice-To-Have, welches auf einer entlegenen Insel nützlich zu sein scheint. Alles ist ein bisschen überspitzt, beinahe satirisch – und doch besitzt jeder dieser Punkte kleine „Abers“.


Immer wieder wird auch die Beziehung der beiden Hauptfiguren erst überstilisiert, dann gebrochen und anschließend erneut mit schicken kleinen Nuancen so inszeniert, dass der Zuschauer im Handumdrehen glaubt zu wissen, was geschieht. Kann der Narzisst seine Abhängigkeit und den Rollentausch akzeptieren? Oder tut er das nur um auf seinen Vorteil zu warten? Ist seine Angst echt? Oder die plötzlich aufkeimende Chemie zwischen den beiden? Und was gewinnt bei Linda die Oberhand? Empathisches Helfersyndrom oder vielleicht doch Rachegedanken?


Damit wir aber nicht den gesamten Film lang in ein langweiliges Rätsel um die Lösungen A oder B herumdrucksen bekommen selbst die Hintergründe und Persönlichkeitszüge von Linda und Bradley wechselhafte Perspektiven. Oder einfach ausgedrückt: Wer von beiden ist eigentlich das größere Arschloch und wer von beiden ist weniger soziopathisch? Es ist nämlich nicht so, dass Linda hier absolut unfehlbar ist und auch ihr Gegenüber nicht ausschließlich böse. Oder doch? Fest steht: Auch ein Paradies hat ein Ablaufdatum. Und Regisseur Sam Raimi weiß das mehr als einmal drastisch zu nutzen.

Hat der gerade Sam Raimi gesagt? Yes! Dieser Film ist von dem Typen, dem wir Evil Dead, Drag Me To Hell und die düstere Wanda in Doctor Strange In The Multiverse Of Madness zu verdanken haben. Und drei Spiderman-Filme. Aber das passt hier nicht, weil ich auf Horror hinauswill. Denn erstens wirft Raimis Beteiligung direkt ein anderes Licht auf den Charakter dieser kleinen Genre-Perle und zweitens dürft ihr hier nicht zartbesaitet an die Sache herangehen. Denn die Kamera hält voll drauf, wenn geblutet, geschnitten oder gebrochen wird. Auch das bewusst „billige“ CGI geizt hier nicht mit Nahaufnahmen und Schockmomenten und so wird nach und nach klar, warum der Streifen letztendlich als R-rated in die Kinos kam.

Und dann ist da noch dieser Running Gag, bei dem Linda immer wieder als Buchhalterin bezeichnet wird und sie darauf beharrt, für Strategie und Planung zu arbeiten. Das taucht nicht nur wie ein Scherz auf den Filmpostern auf, sondern entpuppt sich später als kleiner Hinweis auf mögliche Stärken ihrer Figur – nur eben nicht so, wie man meinen würde.


Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5


Es ist lange her, dass mich ein Film so gekonnt abgestraft hat, Klischees vorzuverurteilen. Und es ist lange her, dass ich bei einem Mix aus Psychothriller, Survival-Horror und Satire sowohl die spannenden Momente als auch die witzigen Pointen so sehr genossen habe. Das Finale punktet mit einem Twist, der ruhig noch ein wenig ausgearbeiteter hätte sein dürfen, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Denn allein Rachel McAdams ist es wert in dieser Rolle gesehen zu werden. Ich hab mich einmal mehr ein bisschen verliebt – weshalb ich mich eventuell mal nach Therapieplätzen umschauen sollte. Send help!

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