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Indira Paganotto – Arte Como Amante (2026)

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Here I am, der Typ, der ständig betont, dass er lieber House als Techno hört und nun mit Arte Como Amante von Indira Paganotto gleich bei seiner ersten elektronischen Album-Review des Jahres in höhere BPM-Felder abdriftet. Zur Verteidigung: Die spanisch-kanarische Musikproduzentin und ihre Musik sind es absolut wert angehört zu werden. Schon längst aus dem Untergrund zu einer internationalen Größe herangewachsen folgt nun also das Debüt-Album.


Gefühlt hat die Karriere der 33-Jährigen seit der Gründung ihres eigenen Labels ARTCORE im Jahr 2022 noch einmal einen richtigen Schub hingelegt. Musikalisch ist sie einer dieser Artists, die das tun, was ich begrüße – und zwar auf Genre-Grenzen zu verzichten und sich stattdessen dort auszutoben, wo es sich jetzt und hier gut anfühlt. In ihrem Fall ist das meistens eine Reise zwischen Acid-Techno, Psy-Trance und Elektro-Ausflügen. Wo aber geht die Reise nun letztendlich mit Arte Como Amante hin?


Promo-Shot von Indira Paganotto

Der Opener Sweetest Tempest verzichtet darauf von Beginn an auf die Zwölf zu ballern. Stattdessen wummert der Bass gnadenlos zu dramatischen Streicherinstrumenten und sphärisch-sägenden Synthlines im Hintergrund. Das erinnert mich ein bisschen an die „Alternate Reality“-Version von MuseAlgorithm. Samt cineastischer Drums klingt das Ganze eher wie der Theme-Song eines Kino-Blockbusters, was mir überaus gut gefällt, weil es unterstreicht „Ich bin ein Album, keine Setlist.“

Auch der zweite Track Momento flüchtet sich nicht in Indiras natürliches Habitat, sondern entpuppt sich als sehr cooler Downtempo-Techno mit Druck auf den Ohren und indischen Musikelementen und schönen Vocal-Delays. El Mago zeigt dann als Nummer drei, dass das Gaspedal absichtlich mit jedem Song ein bisschen mehr genutzt zu werden scheint. Noch immer nicht bei 140 BPM angekommen, dafür aber mit Lento Violento-ähnlichen Kicks, japanischen Dialogschnipseln im Hintergrund und einer Acid-Line, die das ganze Ding langsam, aber sicher von slow und dubby zu pushen scheint. Aber: Wie bei beiden Vorgängern bleibt Paganotto auch hier nach dem Breakdown ihrer Linie innerhalb des Songs treu.


Während sich die progressive Tech-House-Nummer Hello I Love You ein bisschen wie ein Sequel zu seinem Vorgänger anfühlt, legt Crush als Deep-Tech-Brett wieder einen Zahn zu. Auch hier haben wir diese clubbigen Strukturen, ehrlicherweise sehr simple Lyrics und eine konstant dunkle Atmo. Mit Warriors befinden wir uns dann endlich im Landeanflug irgendwo zwischen Boris Brejcha-Vibes zu Beginn und energiegeladenem Psy-Trance. Absolute Kirsche auf dem Sahnehäubchen sind hier die Retro-Rave-Vocals im Endspurt. Apropos „Retro“: This Is Artecore liest sich zwar wie in Top-Ten-Hit von Scooter, erinnert zu Beginn aber eher an Religion von Members Of Mayday und entlädt sich dann vollständig zu einem gewaltigen Psy-Groove.

Gerade wollte ich schreiben „Geschwindigkeitstechnisch sind wir im Universum von Indira angekommen“, da grooven sich im Titeltrack plötzlich die Funk-Gitarren von Chic-Ikone Nile Rodgers (kennt ihr von Daft Punks Get Lucky, Kids) durch meine Boxen. Im Zusammenspiel mit spanischen Vocals und sägendem Synth. DAS ist mal was anderes, aber es funktioniert mehr als es sollte. Disney und Arrogante bedienen dann anschließend die Paganotto-Ultras mit teils hartem Groove, Psy-Anleihen und treibendem Festival-Vibe.

Werden wir jetzt einfach immer schneller? NOPE! Jetzt kommt nämlich die Zeit für mein persönliches kleines Highlight des Albums: La Patrona! Der Track stoppt den D-Zug selbstbewusst, lässt die Synths schwingen und ballert dann rough mit Breakbeats und MC-Attitüde durch die Boxen, als führe uns die Spanierin direkt in Londons futuristischen Underground. Den Schlusslicht zieht dann Black Magic, dass wie auf groovende Art und Weise wie eine Liebeserklärung als alten Rave wirkt, mit Streichern untermalt, die wie quietschende Chipmunks versuchen Schritt zu halten.

Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5

Für DJs und elektronische Produzenten, die im Mainstream eher für DJ-Sets und Club-Tracks bekannt sind, ist es nicht immer leicht mit ihren Alben auch die Kritiker glücklich zu machen. Mit Arte Como Amante lässt sich Indira Paganotto zum Glück gar nicht erst auf solche Spielchen ein. Vielmehr ist ihr Longplayer-Debüt ein Showcase ihrer Bandbreite. Ohne sich auf „Club oder Kunst“ festzulegen, führen ihre zwölf Songs durch die verschiedensten Stile und besitzen dennoch alle gewisse Wiedererkennungswerte ihrer Macherin. Als würde sie uns ihre private Playlist zeigen, aber mit Indira-Filter. Für ein Debüt sehr ambitioniert und erfrischend!



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