Poppy – Empty Hands (2026)
- Michael Scharsig
- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Ach, Poppy. Ich würde am liebsten jedes Mal einen kleinen Vortrag über den seltsamen Verlauf ihrer Karriere halten. Das seltsame YouTube-Phänomen, der Bubblebath-Pop, die düstere Elektro-Ära und ihre Befreiung hin zu einer weltweit angesagten Metal-Artistin. Wer sich ein wenig dafür interessiert, der kann sich HIER meine Review zu ihrem letzten Album Negative Space durchlesen. Dieses Jahr geht’s für mich am 14. März 2026 auch auf ihre Constantly Nowhere Tour 2026 ins Kölner Carlswerk Victoria sowie zu der Show von Evanescence am 20. September in Dortmund, wo Poppy als Vorband auftreten wird.
Ihr merkt, ich bin ein Fan und auch ein bisschen verliebt. Aaaaber: In einer guten Beziehung (Klingt das irgendwie seltsam? Ja.) muss es auch mal Reibungen geben. Und die gab es zuletzt. War ihr 2024er Album noch eines der absoluten Jahreshighlights, haben mich die meisten der neuen Singles eher gelangweilt. Oh nein, warum? Was ich bis dato an der Künstlerin Poppy geschätzt hatte, war, dass sie sich meist entgegen aller Erwartungen in Ecken ausgetobte, die wir so noch nicht von ihr kannten. Und hier liegt der Hund begraben, denn der neue Sound klang meiner Meinung nach berechenbar. Zieht sich das aber nun auch durch das gesamte neue Album Empty Hands?

Los geht’s in die richtige Richtung. Denn beim Opener Public Domain wird nicht lange gefackelt. Es fliegen einem von Sekunde 1 an Drums a lá The Beautiful People um die Ohren und auch Poppys Gesang und die verzerrten elektronischen Spielereien versetzen mich hier eher in die Industrial-Rock-Zeit ihrer Alben Zig und I Disagree zurück. Gerne mehr davon! Bruised Sky brettert weiter durch die Boxen, punktet mit energetischen Riffs, die an Korn erinnern und Breaks und Screams wie in They’re All Around Us. Spannende Bridge, aber leider auch schwache Hook. Hier kommt zum ersten Mal der Gedanke, das schon mal slightly anders gehört zu haben.
Guardian unterstreicht erst einmal, was ich schon dachte, als ich Poppy 2025 live bei Rock am Ring sah: Vor allem bei der Gitarrenarbeit besitzt sie mittlerweile einen Signature Sound. Das ist eigentlich ganz okay, aber auch hier ist mir der Refrain ein bisschen zu simpel gestrickt. Umso cooler allerdings die dystopischen Effekte direkt danach. An dieser Stelle mache ich kurz eine kleine Pause und möchte eine Sache einordnen. Wenn ich von Langeweile spreche meine ich weder Poppy, noch ihre Stimme oder ihre Lyrics. Meistens beziehe ich das auf ihren Go-To-Produzenten Jordan Fish. Zweifelsohne hat der Mann einige der größten Erfolge des modernen Metals vorzuweisen und er war ja auch am Vorgänger-Album maßgeblich beteiligt. Nur werde ich langsam müde von den meisten seiner Produktionen.
Diese cleanen Drums, die Effekte und sphärischen Elemente, die jedes Mal den gesamten Raum einnehmen… irgendwie schafft er es, konstanten Lärm zu machen, der gleichzeitig durchweg stilisiert und überproduziert wirkt. Und das alles hält er mittlerweile nicht nur selbst auf Abruf bereit. Auch zig weitere Bands versuchen diesen Stil immer und immer wieder einzubauen. Auch Poppys neuer Output bringt viel davon mit. Am deutlichsten ist dies bei Unravel der Fall, der ersten Single, zu hören. Startet der Song noch spannend mit groovenden Breaks und Synth, entpuppt sich die Hook einmal mehr als generisch. Und auch wenn sie Kawaii-Metal mag – dieses ätzende Autotune hätte sie gar nicht nötig. Auch der Breakdown wirkt hier eher wie ein Fremdkörper – auch so ein Symptom des modernen Metals. Hauptsache YouTube hat etwas zu diskutieren. Naja.
Dying To Forget zieht dann wieder Tempo an und dürfte vor allem live abgehen. Die 31-Jährige brüllt sich hier die Seele aus dem Leib und vor allem der zweite Teil ist ein kraftvolles Monster. Dann passiert es endlich, ein Refrain, der im Ohr bleibt! Time Will Tell punktet mit geilem Melody-Writing und einem Soundmix, der an New Way Out, V.A.N und Korns Here To Stay erinnert. Im Endspurt gibt es sogar so etwas wie ein Gitarrensolo samt Speed Change. Bislang mein absolutes Highlight. Im Zusammenspiel mit dem angepissten Pop-Punk Eat The Hate, der ein bisschen nach House Of Protection oder Poppys älteren rotzigeren Nummern klingt, springt mir das Herz dann doch endlich im Dreieck.
The Wait ist mir ehrlicherweise mit Ausnahme weniger elektronischer EDM’schen Details nicht weiter in Erinnerung geblieben. Auch das etwas dystopischere If We’re Following The Night fängt zwar spannend an, verpufft aber zu schnell – auch hier wirkt der fette Breakdown nur noch wie Dekoration. Mit Ribs hätten wir dann den dritten Song in Folge, der zwischendurch kleine coole Momente hat, aber insgesamt nicht weiter nachhallt. Das erledigen dann aber die dreckigen letzten drei Minuten des Albums in Form des Hardcore-Titeltracks. Hier werden Erinnerung an Poppys Kollab mit Knocked Loose wach. Ein witziges Räuspern hier, ein Witch-Scream samt Dicke-Eier-Riff dort – und zum Abschluss des ganzen Albums ein Pig Squeal aus der Hölle. Holy!
Fazit: ⭐⭐⭐ / 5
Ich kann hier keine halben Sterne anzeigen, ansonsten wäre Empty Hands wohl eine gut gemeinte 3,5. Hochwertig produziert, durchweg stark von Poppy inszeniert. Macht sie es sich stilistisch nun bewusst in dieser hochglanzproduzierten Ecke gemütlich? Ich hoffe nicht. Waren vorher fast alle Alben wie eine Schachtel Pralinen, habe ich hier zum ersten Mal das Gefühl mehr von Bewährtem gehört zu haben – nur leider mit weniger Ohrwurm-Charakter. Einzelne Tracks reißen viel raus. Außerdem möchte ich an dieser Stelle noch Poppys maskierte Band, u. a. bestehend aus Ralph Alexander, Johnuel Hasney und Jake Massanari hervorheben, die einen großartigen Job machen und vor allem auf der Bühne entscheidend am nahezu perfekten Live-Erlebnis beteiligt sind. Bleibt abzuwarten, wie gut sich alte und neue Musik zusammenführen lassen.








![Bad Omens - Concrete Jungle [THE OST] (2024)](https://static.wixstatic.com/media/22e295_83955ccb832e47f58268af1922dd61c3~mv2.jpg/v1/fill/w_980,h_551,al_c,q_85,usm_0.66_1.00_0.01,enc_avif,quality_auto/22e295_83955ccb832e47f58268af1922dd61c3~mv2.jpg)

Kommentare