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RAYE – This Music May Contain Hope. (2026)

  • Autorenbild: Michael Scharsig
    Michael Scharsig
  • 28. März
  • 4 Min. Lesezeit

RAYE ist meiner Meinung nach aktuell eine der interessantesten Künstlerinnen weltweit. Nicht, weil ich ausnahmslos alles feiere, was sie macht, sondern weil sie so unbeschwert und unberechenbar produziert. Als Muse-Fan, der klassisch angehauchte Songs wie „I Belong To You“ oder „Feeling Good“ feiert (letzterer wurde sogar von RAYE gecovert), oder zum Beispiel auch Insel-Artists wie Plan B, Duffy oder Amy Winehouse hört, wurde ich spätestens durch „Where’s My Husband?“ so richtig auf sie aufmerksam. Dabei hatte ich sie schon seit 2016 in meinen Playlists, als Feature von Electro-Artists wie Jax Jones, Regard oder Joel Corry.


Facebook-Foto von RAYE

Obwohl sie einer der ganz groß aufgehenden Sterne der Pop-Industrie ist, vergisst man dabei schnell, dass RAYE ein Indie-Artist ist. Heißt, sie lässt sich von den großen Studios nichts mehr vorschreiben, sondern produziert ihre Musik so, wie sie möchte. Das wiederum bedeutet, sie hat alle Freiheit, auch mal Tracks rauszuhauen, die nuancierter sind und mit unkonventionelleren Strukturen erscheinen. In Zeiten von Rosalías Berghain und RAYEs Hang zum großen Herzschmerz habe ich mir deshalb die Frage gestellt, wie das alles auf einem Album zusammenpasst. Die Antwort ist: Immer.

Es kommt selten vor, doch in diesem Fall ist mit I Will Overcome tatsächlich bereits der Opener einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. Rhythmisch-orchestral begleitet erzählt die 28-Jährige im Spoken-Word-Stil von Kummer und Traurigkeit, verfängt sich total bewusst für Sekunden in Autotune-Wirrwarr, nur um letztendlich die Kurve zu kriegen. Direkt danach wird zu Wolfsgeheule und Big Band vor dem South London Lover Boy gewarnt. Hier gefällt mir vor allem das swingende „Girls, stay safe out there“ am Ende, sicherlich auch konzipiert für Live-Shows.

In The Whatsapp Shakespeare. verbindet sie auf selbstironische Weise noch deutlicher moderne Kommunikation (Whatsapp, Uber, etc.) mit klassischen Elementen und coolen Textpassagen wie „Wolf im Schafspelz, in diesem Fall: Denim“. Im zweiten Teil wird dann der soulige Part gebrochen in eine Art Swing-Jazz-Hybrid. Das ist wunderbar untypisch für große Studiomusik – zündet bei mir in diesem Fall aber auch nicht komplett. Die anschließende Winter Woman verliert mich ein bisschen, weil ich generell kein großer Fan zu viel Spoken Word bin. Gleichzeitig passt das aber super zu Rayes britischen Einflüssen – ihr Akzent ist ohnehin über allem erhaben.

So wie der nächste Song, der das zweite große Highlight des Albums darstellt – Click Clack Symphony, episch und melodisch unterstützt von Star-Komponist Hans Zimmer. Der Titel steht für das Geräusch von High Heels auf Asphalt und deutet an, von Freunden aus der Isolation zurück ins Leben geholt zu werden. Erneut kein einfacher Radio-Track, vielmehr eine euphorisch aufgeladene Geschichte. Im Vergleich zu einigen Vorgängern ist die Powerballade I Know You’re Hurting geradezu „normal“, wunderschön gesungen und mit dezenten Piano-Einsätzen bestückt. I am a sucker for that. Umso überraschender die seichte Ambient-House Nummer Life Boat., die – und hier wette ich einen Hunderter – inspiriert zu sein scheint von Künstlern wie Fred again.., Barry Can't Swim oder nimino. Nichts als Liebe dafür!

Nach dem ersten richtigen Stilbruch jazzen wir in I Hate The Way I Look Today. aber sofort wieder in die verrauchten Swing-Keller der Großstadt. Kurz darauf singt RAYE von Henry, bricht die vierte Wand und erklärt uns, dass es hier echt nicht um gute Laune geht, der Typ aber auch nicht wirklich Henry heißt, weil sie respektvoll bleiben wollte. Es sind diese kleinen Dinge, die ihre Musik so unterhaltsam machen. Generell ist es irgendwie cool, wie oft sie zu Beginn eines Songs erklärt, worum’s geht. So auch in Nightingale Lane, einer souligen Ballade über ihren größten Heartbreak. Hier kommt dann auch endlich mal ihre energetische Stimme, teils sogar etwas crisp, zur Geltung.

Befinden wir uns gerade in der Komfort-Zone aus „Naja, alles schon bisschen ruhig und smooth“ klatscht die Londonerin dem Vorurteil aber sofort mit den nächsten zwei Songs ins Gesicht. Da wäre zuerst die groovige Nummer Skin & Bones., die sich anfühlt, als müsste dort eigentlich jeden Moment ein Bruno-Mars-Feature auftauchen. Gefolgt von der absoluten Hit-Single des Albums, Where Is My Husband?, die es auch in meine Top 20 des Jahres 2025 geschafft hat. Fields. mit Grandad Michael geht nach so zwei Tracks etwas unter, ist aber keineswegs schlecht, nur eben wieder etwas zurückhaltend.

Viel mehr Spaß macht dagegen Joy. Der Track, den die 28-Jährige mit ghanaisch-schweizerischen Wurzeln zusammen mit Amma & Absolutely aufgenommen hat, ist so treibend und uplifting, er könnte bei einer Fußball-WM in Afrika ebenso funktionieren, wie in einer Schlusssequenz eines Kinofilms. Auch das lockere Happier Times Ahead lässt vermuten, was mit dem Albumtitel gemeint war und versprüht irgendwie diesen „Sing, When You’re Winning“-Vibe eines Robbie Williams. Und was ist das bitte wieder für eine sympathische Idee, auch den letzten Song Fin. mit gesprochenen Credits zu beenden? 17 Tracks sind eine herausfordernde Zeit, aber ganz ehrlich – wie kann man dieses Ding nicht ins Herz schließen?

Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5

Das neue Album von RAYE vermittelt theatralisches Melodrama unter einem selbstironischen Filter der 50 Jahre. Dabei verbindet sie Zeitgeist-Attitüde mit klassischen Musikelementen und verzichtet bewusst auf das Abspulen belangloser Pop-Songs von 2,5 Minuten. Hier und da ist nicht alles fürs schnelle Ohr gemacht, umso spannender die Experience. Ich habe einen Soft Spot für den britischen Akzent, für britische Musik und für Big Band sowie Filmmusik. Match made in Heaven. Wir sind uns alle sicher, dass sie irgendwann in ihrem Leben mal einen Song zu James Bond beisteuern wird, oder?



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