THE HARA – The Fallout (2026)
- Michael Scharsig
- 11. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Manchmal, aber nur manchmal… sind die Empfehlungen verschiedener Algorithmen auch eine gute Sache. Vor einigen Wochen stieß ich so auf zwei Songs, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während ein Song wie ein melodischer Emo-Track klang, dröhnten bei dem zweiten Track fette Bässe, verzerrte Vocals und Industrial Beats durch die Boxen. Hinter beiden Songs versteckt jedoch die gleiche Band: THE HARA. Mein Interesse war geweckt und zu meinem Glück haben sie jüngst ihr neues Album The Fallout gedroppt. Halten die insgesamt zwölf Tracks das Niveau?

„I wear my skin like a trophy. So they give a fuck about me“ – Direkt beim Opener Trophy zeigt sich, dass meine Emo-Einschätzung vermutlich gar nicht so weit daneben lag. Auch auf groovige Riffs brauche ich nicht lange warten. Im Hintergrund passiert dann aber doch noch etwas mehr. Hier mal Piano, dort mal melodische Gitarre, Double Bass in eher ruhigeren Momenten. Dazu die von Josh Taylor sehr emotionale Stimme. Alles wirkt wie organisierte Verspieltheit, verpackt in gerade einmal drei Minuten. Später wird sich zeigen, dass das praktisch das gesamte Album anteasert. Ein passender Einstieg, also.
Bei Easier To Die ist vor allem Zack Breen der Held Geschehens. Denn abgesehen von der groovenden und kraftvollen Hook, sind es vor allem seine melodischen Gitarrensounds während der 2. Strophe und der darauffolgenden Bridge, die überraschen, ehe cineastische Drums kurz vorm Drop erneut ins Chaos einladen. Mit Zeilen wie „It's easier to die than it is to wanna live“ bleiben wir nach wie vor im Emo-Storytelling. Das passt hier aber super. Bei Monsters & Demons zeigen die drei dann, warum sie zurecht ins Vorprogramm von Sum 41 aufgenommen wurden. Die Pop-Punk-Ikonen wurden meiner Meinung viel zu oft in die reine Punk-Schublade gesteckt.
Song Nummer Vier ist übrigens einer der beiden Tracks von denen ich beim Einstieg sprach. Was mir gleich zu Beginn von Twist The Arrows klar wird: Taylors Gesang besitzt Wiedererkennungswert und die Band scheut nicht davor, ihm in den Strophen meist viel Raum zu bieten. Lupenreine Cleans und Drums, simple Arrangements. So kann sich seine Stimme ins Spotlight rücken. Was ich bislang nicht herausgefunden habe – wer übernimmt eigentlich all den Bass und all die elektronischen Elemente? Würde das Ganze echt gerne mal live beobachten. Was ich interessant finde ist, dass auch mit Metalcore geflirtet wird. Nicht unbedingt in den lautesten Momenten, sondern eher durch die melodische Dramatik.
So klingt Stay beispielsweise wie eine genre-typische Ballade – auch die Verwandlung in Breaks und der Support rhythmischer Drums trübt den Eindruck vorerst nicht. Was aber überrascht sind die anschließenden Effekte auf der Stimme, der plötzliche Alternative-Rock bzw. Grunge-Vibe, ehe wieder geschrien werden darf. Ich denke das ist es, was mich aktuell an THE HARA fasziniert. Sie wirken noch sehr losgelöst von durch Mainstream vorgegebene Formeln. Ein weiteres gutes Beispiel ist der fast schon progressive Breakdown in The System. Und dann wäre da der Psycho Killer, der zweite Song, den ich im Intro kurz angesprochen hatte. Eine super spannende Mixtur aus stampfendem Industrial-Beats, melancholischer Bridge und einem Big Beat Breakdown. Als hätten The Prodigy, My Chemical Romance und Marilyn Manson Bock auf eine Kollab gehabt.
The Kings blieb anschließend ehrlich gesagt nicht richtig bei mir hängen. Das mag daran liegen, dass ich selten Fan von Songstrukturen bin, die eine Crowd gefühlt zum Mitsingen zwingen wollen. Aber auch sonst war mir der Song ein bisschen zu raumfüllend und überladen. Wie schon bei Stay baut auch Bury Me danach balladesk auf – was mich immer auch ein bisschen an Bad Omens erinnert – entlädt sich dieses Mal aber nur kurz. Auch das erinnert mich an Death Of Peace Of Mind und mir gefällt, dass nicht nur experimentiert wird, sondern auch mal in der musikalischen Welt die geschaffen wurde, verweilt wird. Mehr nach vorn geht’s dann mit Violence, einer elektronisch-rockigen Zusammenarbeit mit As December Falls. Der Song dürfte vor allem Fans von Bands wie Hot Milk, Wargasm oder Future Palace gefallen. Er besitzt auf jeden Fall Ohrwurmcharakter.
Intergalactic Sabotage ist sicherlich eine Hommage an die Beastie Boys, zumindest was den Titel angeht. Musikalisch bewegen wir uns irgendwo zwischen Modern Rock und Pop-Punk. Einmal mehr dürfen Backing Vocals das Gefühl von Live-Atmo vermitteln. Holt mich nicht so sehr ab, bis dieses ultragute Riff einsetzt. Zum Abschluss knüppelt uns Drummer Jack Kennedy in eine weitere Modern-Rock-Nummer, die sich abermals in einem fetten Breakdown ergibt und abrupt endet, als wolle die Band mit einem Cliffhanger hungrig auf weitere Musik machen.
Fazit: ⭐⭐⭐⭐ / 5
Irgendwo zwischen Emo-Punk-Attitüde, hymnischen Refrains und der einen oder anderen energiegeladenem Hommage an Metalcore bleibt es schwer, THE HARA einzuordnen. Das ist ein Kompliment! Ich könnte Namen wie Fever 333 oder Hot Milk in den Ring schmeißen, von den Emo-Punk-Bands der 2000er labern, doch am Ende muss ich gestehen, dass das Trio dafür schon jetzt auch sehr viel eigenen und frischen Stil besitzt. Nicht alles ist ein Meisterwerk, aber genau das macht sie unberechenbar. Wenn Du auf einem progressiven Metal Festival ebenso spielen kannst wie auf einem Slam Dunk Festival, dann bist Du auf dem richtigen Weg.





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